start Technische Hinweise glossar lectures • • • suche sitemap impressum
Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
themenliste
Notwendige Entscheidung 
zurück 16 / 16
Klar wird aber auch, dass das Recht auf Sprache in jeder Rechtsordnung nur eingeschränkt gelten kann. Denn der Richter muss sich jedenfalls am Ende über die Pluralität der Sprachen hinwegsetzen, wenn er die eine Entscheidung treffen will. Die Vielzahl der Sachverhaltserzählungen und Rechtsansichten muss er zunächst auf zwei Alternativen reduzieren, um dann sein Urteil zu fällen. Aber er muss diesen Vorgang in der Sprache vollziehen und sich mit den Irritationen und Anschlusszwängen auseinandersetzen, die sich aus dem Vortrag der Parteien ergeben. Damit ist die Frage, wieweit dem Rechtsunterworfenen ein Recht auf Sprache eingeräumt wird, zentral für die Einschätzung einer konkreten Rechtsordnung. Der Extremfall einer totalitären Ordnung liegt vor, wenn das Recht auf Sprache für den Rechtsunterworfenen vollkommen aufgehoben ist. Er wird beurteilt durch eine Macht, welche nur die Sprache zulässt, die sie vorher als fest und unveränderlich definiert hat. Dieses Risiko liegt in jeder Rechtsordnung. Selbst im Rahmen des weitgehend rechtsstaatlichen Verfahrensrechts der BRD werden in politischen Prozessen dem Angeklagten, der seine Motive erläutern will, die Mikrophone abgedreht. Oder dem Sprecher einer Bürgerinitiative wird von einem Oberlandesgericht strafverschärfend vorgeworfen, dass er entgegen der Auffassung des Gerichts den Aufruf zu einer gewaltfreien Demonstration nicht als Gewalt begreift. Der Kampf gegen die von der Institution zur Verfügung gestellte Sprache, den vergeistigten Gewaltbegriff, den das Bundesverfassungsgericht mittlerweile zurecht aufgegeben hat, die Wahrnehmung des Rechts auf eine eigene Sprache wird damit zum Strafgrund. Politische Prozesse sind sicher nicht der rechtsstaatliche Alltag. Aber auch im scheinbaren Normalfall redet etwa ein Strafrichter mit dem Angeklagten nur, wenn er etwas herausfinden will, und sonst mit dessen Verteidiger. Die Verweigerung der eigenen Sprache muss auch nicht erst im Urteil und durch das Gericht geschehen. Ein besonders beschämendes Beispiel der Sprachberaubung liefert die Verteidigung im Maidanek-Prozess. Es ging um die Frage, ob die im Lager Ermordeten dort auch verbrannt wurden. Der Verteidiger befragt den Zeugen, ob er die Verbrennung der Leichen selbst gesehen habe. Der Zeuge verneint dies, erklärt aber, dass der Geruch verbrannten Fleisches ständig über dem Lager hing. Daraufhin stellt der Verteidiger den Beweisantrag, mittels Sachverständigengutachten zu klären, dass die menschliche Nase den Geruch von verbrannten Menschenfleisch von dem verbrannten Schweinefleisches nicht unterscheiden könne. Das schneidet nicht nur Sprache ab. Das schneidet die Zunge heraus. Der Sprecher soll gezwungen werden, in einer Sprache zu sprechen, die ihn erniedrigt und beleidigt.

Für das Recht ist demgegenüber kennzeichnend, dass es die Sprache des Adressaten zulässt. Bis zu einer Grenze: Im Ergebnis der Entscheidung muss dem Bürger sein Recht auf Sprache genommen werden. Denn eine Streitentscheidung in der Sprache nur einer der Konfliktbeteiligten wäre parteilich. Der Richter muss also zwischen den antagonistischen Sprachen der Parteien im Medium einer dritten Sprache entscheiden. Aber diese Sprache darf nicht so beschaffen sein, dass sie den Adressaten in eine vordefinierte Sprecherposition zwingt, worin nur eine fremde und nicht seine eigene Sprache möglich ist. Eine Entscheidung, solange sie eine Rechtsentscheidung und keine reine Gewalt sein will, muss dem Betroffenen Einfluss auf die Sprache geben, die in der Entscheidung an die Stelle seiner eigenen tritt. Wenn dagegen diese Sprache schon vorher feststeht, Gewaltausübung. Das Recht auf Sprache ist also ebenso wenig wie das Recht überhaupt objektiv vorgegeben. Es muss vielmehr immer wieder erkämpft werden. Denn für die Staatsgewalt ist es allemal bequemer, die Ausübung der rechtlichen Gewalt nicht durch Begründungszwänge zu erschweren.
Druckfassung Druckfassung
Sprache, Recht, Gewalt
Zum Anfang
Wir sind an Ihrer
Meinung interessiert
info@rechtslinguistik.de
Wir freuen uns
auf Ihre Anregungen
Zum Anfang
© RC 2003 ff.