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Systematische Auslegung 
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Die systematische Auslegung wird in der herkömmlichen Methodenlehre meist folgendermaßen beschrieben: „Im Unterschied zur grammatischen Auslegung setzt die systematische Auslegung nicht bei der auszulegenden Norm als solcher an, sondern versucht, deren Inhalt durch Rückschlüsse aus ihrer Stellung im Gefüge des betreffenden Gesetzes oder aus dem Inhalt anderer Normen zu bestimmen.“ Im Hinblick auf die Unterordnung der systematischen Auslegung unter den positivistischen Zweck der Ermittlung einer vorgegebenen normativen Substanz wird bei der Diskussion der systematischen Auslegung folgendes Axiom eingeführt: „ Die systematische Auslegung erhält ihre Rechtfertigung aus dem Gedanken, dass jedes Gesetz, aber auch die Rechtsordnung als solche ein geschlossenes Ganzes darstellt, dessen einzelnen Teile weitgehend aufeinander abgestimmt sind und einander in vielen Bereichen inhaltlich bedingen, eine einzelne Norm kann insofern nicht sinnvoll verwendet werden, ohne ihre Bezüge zu den übrigen Normen des betreffenden Gesetzes, sowie den anderen Teilen der Rechtsordnung zu berücksichtigen.“ (Looschelders / Roth, Juristische Methodik im Prozess der Rechtsanwendung, 1996, S. 149)

Aber das praktische Funktionieren der Auslegung widerlegt die positivistische Vorstellung von dem vorgegebenen Sinnganzen der Rechtsordnung. Die erste Schwierigkeit dieser gesetzespositivistischen Position zeigt sich schon bei der Abgrenzung von grammatischem und systematischem Element. Diese Abgrenzung wäre vollständig nur möglich, wenn dem einzelnen juristischen Begriff schon für sich eine positive Bedeutung anhaften würde. Tatsächlich lässt sich aber die Bedeutung eines bestimmten Begriffs nur differentiell bestimmen als Gesamtheit der Unterschiede zu den Bedeutungen der Gesamtheit aller anderen Begriffe, so dass das grammatische Konkretisierungselement notwendig auch das systematische Element übergreifen muss. Diese differentielle Bedeutungsbestimmung gesetzlicher Ausdrücke wird von der juristischen Dogmatik wahrgenommen und kommt am deutlichsten in der Kommentarliteratur zum Ausdruck. Eine natürliche Grenze findet dieser Bedeutungsdifferenzierungsprozess nicht. Jede neue Fallkonstellation kann vielmehr das System der differentiellen Bedeutungsbestimmungen verschieben. An jedem einzelnen Term lässt sich eine Kette von negativ zu bestimmenden Termen anhängen, die intern ebenso strukturiert sind und deren Menge unabsehbar und offen ist. Das System einer Sprache oder eines Textes kann nicht als geschlossen betrachtet werden- Durch jede Interpretation kann das vorhandene Zeichenmaterial neu und anders differenziert werden. Der Mangel an Beherrschbarkeit der Sprache gibt immer wieder der entgrenzten Ökonomie semantischer Oppositionen Raum. Einen Halt findet die Semantik juristischer Texte so jedenfalls nicht.

Die systematische Auslegung eröffnet also nicht einen Kontext des Gesetzes, sondern Kontext auf Kontext. Das Problem liegt in der Auswahl und Begrenzung. Die genetische und historische Auslegung, die einen sichern Hort des Sinns in der Entstehungsgeschichte von Gesetzestexten sucht, machen als Unterfälle der systematischen Auslegung eine grundsätzliche Schwierigkeit besonders offensichtlich: die durch die Auslegungselemente herangeführten Kontexte bedürfen ihrerseits der Auslegung, so dass sich die geschilderten Probleme noch einmal potenzieren.
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