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Grammatische Auslegung 
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Die Gerichte beginnen meist mit der wörtlichen oder sogenannten „grammatischen“ Auslegung. Dazu werden häufig Lexika herangezogen. So zur Bestimmung des Wortsinns von „Verunglimpfen“ etwa das Grimmsche Wörterbuch. Zur Frage, ob eine „Verpflichtung“ im Sinn des § 103 BGB nur dann „zu entrichten“ ist, wenn sie fällig ist, der Duden. Für die Ermittlung des Wortsinns von „Omnibus“ die Brockhaus-Enzyklopädie mit dem Ergebnis: ein VW-Transporter ist kein Omnibus. Aber die Lektüre eines Lexikons führt nicht zu feststehenden Daten. Sie eröffnet meist nur Fragerichtungen. Es handelt im Kern um Gebrauchsbeispielerzählungen. Diese Beispiele werden paradigmatisch eingesetzt und sind nicht ohne weiteres in eine vorhandene oder empirisch feststellbare Regel auflösbar. Im Rahmen der lexikalischen Semantik wird der Lexikoneintrag zunehmend als offene Aufzählung von Beispielen und gerade nicht als Grenze zulässiger Verwendungen verstanden. Ein natürliches Konzept von Wörtlichkeit und zulässiger Verwendung ist nicht zu haben.

Es zwar gut und nützlich, wenn Juristen bei Zweifeln über den Sprachgebrauch in Wörterbüchern nachschlagen. Aber sie finden dort nicht die von der Sprache vorgegebene und von den Lexikographen aufgeschriebene Grenze zulässigen Sprechens, sondern sie finden vielmehr Anregungen für bisher nicht bedachte Verständnisvarianten und Hinweise auf vorher vielleicht übersehene Kontexte. So einfach lässt sich die Verantwortung für die Beurteilung von Auslegungsvarianten nicht abschieben.

Die grammatische Auslegung findet also weder in der Fachsprache noch gar in der Alltagssprache einen einheitlichen und stabilen Sprachgebrauch vor. Auch durch Nachschlagen im Lexikon findet der Richter nur Beispiele für den Sprachgebrauch in bestimmten Kontexten; aber keine Sprachnormen, die ihm Auskunft darüber geben, welcher Sprachgebrauch der richtige oder vorzugswürdige sei. Auch hier bedarf es wieder einer Entscheidung; mit der Gefahr, dass der Richter seine eigene Sprachkompetenz zum „idealen Sprecher“ aufbläht und dem abweichende Sprachgebrauch der Betroffenen die Berechtigung abspricht.
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