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Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
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Kampf als Daseinsweise des Rechts 
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Allein die Faltung in die Sprache nimmt der richterlichen Entscheidung nicht das Moment von Gewalt. Schon der Umstand, dass vor Gericht überhaupt noch interpretiert werden muss, ist der Sprache äußerlich und ihr aufgezwungen. Denn verstanden haben die Parteien durchaus, sowohl den Gegner als auch das Gesetz. Es liegen keine Probleme sprachlicher Verständigung vor, sondern es geht um Entscheidungsprobleme. Die Frage ist nicht: wie ist das Gesetz zu verstehen? Denn jeder hat schon verstanden. Vielmehr ist die Frage, welches Verständnis vorzuziehen sei.

Eine Rangfolge für das Verstehen ist in der Sprache aber nicht vorgesehen. Ihre Funktion ist erfüllt, wenn Verständigung hergestellt ist. Um eine solche Rangfolge angeben zu können, müssen überhaupt erst Mechanismen geschaffen werden, die in dem von Foucault beschriebenen Sinn eine Ordnung des Diskurses garantieren; Strukturen also, die Verstehen nicht vermehren, sondern verknappen. Von den verschiedenen möglichen Arten das fragliche Textstück zu lesen, soll und darf dann nur noch eine legitim sein. Diese Notwendigkeit einer Selektion von verschiedenen Verstehensarten zur einzig legitimen ist Zwang, ist symbolische Gewalt. Sie ist jene Kraft, Bedeutungen als legitim zu setzen und durchzusetzen, die sich dadurch als Sprache vergessen macht, dass niemand sonst mehr das Sagen hat.

Aber nicht nur der Umstand dass, sondern auch die Art und Wiese wie zwischen den verschiedenen Lesarten entschieden wird, ist von Gewalt durchzogen. Dabei ist das Vorgehen der Praxis lehrreich. Die Gerichte bestimmen die Bedeutung eines Gesetzestextes, indem sie andere Texte zur Bestätigung oder Abgrenzung heranziehen. Diese Kontexte werden erschlossen durch die sogenannten canones der Auslegung. Die grammatische Auslegung erschließt den Kontext des Fachsprachgebrauchs bzw. der Varianten der Alltagssprache. Die systematische Auslegung erschließt den Kontext des Gesetzes bzw. der Rechtsordnung als Ganzes. Die historische Auslegung erbringt den Kontext früherer Normtexte und die genetische den der Gesetzesmaterialien. Diese einfachen Elemente werden in der methodologischen Reflexion manchmal zu Bedeutungssubstanzen verdinglicht und gegeneinander ausgespielt. Tatsächlich aber verwendet die Praxis diese Instrumente, um Material für den Vorgang des Profilierens einer Textbedeutung zu gewinnen. Sie ergänzen sich bei dieser Aufgabe.
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Sprache, Recht, Gewalt
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