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Semantischer Kampf 
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Von der Herstellung der Sachverhaltserzählung, die den Konflikt der Parteien in die Facon eines Rechtsfalls bringt, bis hin zum Tenor und zur Begründung seiner Entscheidung unterwirft der Richter die Parteien seiner Amtsgewalt. Er profiliert sich mit der Macht seiner Worte zu der im Verfahren allein ausschlaggebenden Kraft einer Erzeugung von Recht. Zunehmend spricht nur noch er zur Sache, während allen anderen Schweigen geboten wird. So ”gibt” denn der Richter im wahrsten Sinne des Wortes ”das Gesetz”. Er gibt es den Parteien. Er gibt ihnen das Gesetz der Handhabung des Konfliktstoffs. Und er gibt ihnen das Gesetz der Praxis ihres Streits darum. Er gibt ihnen das Gesetz dadurch, dass er sie seinem ”Willen zum Gesetz” unterwirft.

Die Bemächtigung der Bedeutung des Gesetzeswortes durch den Richter vollendet sich im Urteilsspruch. Damit schafft er das Faktum Recht. Ist damit der kleinliche Zank der Parteien in die Wahrheit der Rechtserkenntnis aufgehoben?

Der Rechtsstreit faltet die Gewalt des Konflikts in die Sprache. Die direkte physische Auseinandersetzung, und sei sie auch noch so subtil, wird suspendiert und in eine sprachliche Auseinandersetzung überführt. In einem zweiten Schritt wird dann die Gewalt zur Entscheidung des Konflikts den Parteien genommen und dem Richter als Dritten übertragen. Aber trotz dieser doppelten Faltung bleibt die ursprüngliche Gewalt des Konflikts im Innern der Sprache erhalten. Wenn der Richter aus den Akten und dem Gesamteindruck der mündlichen Verhandlung den Sachverhalt herausfiltert, den er im Urteil zugrunde legen will, ersetzt er nicht die subjektive Sicht der Beteiligten durch die objektive Wahrheit. Er entscheidet vielmehr zwischen verschiedenen Erzählungen.

Auch die Auslegung des Gesetzes ist kein unschuldiger Vorgang, der im Wege der Erkenntnis die reine Bedeutung an die Stelle der Zeichenkette setzt. Die Auslegung setzt vielmehr eine Zeichenkette an die Stelle einer anderen und muss genau wie die Sachverhaltserzählung zwischen divergierenden Möglichkeiten entscheiden.
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Sprache, Recht, Gewalt
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