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Sprachliche Regeln?! 
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Die von der positivistischen Rechtsnormtheorie übernommene Auffassung, dass die sprachliche Bedeutung als Grenze der Auslegung schon im Text vorgegeben sei, führt dazu, nach einem Ding zu suchen, in welchem sich diese Bedeutung verkörpert. Die juristische Lehre vom Begriff ist die Antwort auf diese schon im Ansatz verfehlte Frage. Statt nach einer Grenze als vorgegebenem Ding zu suchen, wäre das Funktionieren der fraglichen Texte, ihre Verwendungsweise herauszuarbeiten. So aber führt die zur Wortlautgrenze überhöhte Lehre vom Begriff ins Niemandsland von Scheinproblemen.
Auch der Begriff der sprachlichen Regel erfährt eine spezifisch juristische Deutung. Die Regel soll es ermöglichen, eine Entscheidung „im Einklang mit dem semantischen Gehalt des Gesetzes“ zu treffen. Die Semantik ist damit dem juristischen Rechtfertigungszweck unterstellt. Die Regeln der Sprache werden als Rechtsregeln behandelt.

Um die einzige Bedeutung des Rechtstextes zu garantieren, muss die juristische Theorie die Komplexität des Sprechens zu der Sprache reduzieren. Die erste Vereinfachung liegt darin, dass man von der Sprache ausgeht, als sei diese eine überschaubare und homogene Größe mit Normen, die überall und für jeden gleich ‘gelten’. Die zweite Vereinfachung betrifft den Kontext einer geäußerten Zeichenkette, welcher als endlich und beherrschbar vorausgesetzt wird, um so die Klarheit der Begriffe zu garantieren. Die dritte Vereinfachung will eine identische Wiederholung von sprachlichen Regeln ohne verschiebenden Charakter annehmen. Nur unter der Voraussetzung einer homogenen Sprache, deren Regeln in der Wiederholung stabil bleiben, und eines endlichen Kontextes kann dann behauptet werden, dass dort, wo ein Sprachgebrauch korrigiert werde, die „Sprachwidrigkeit“ einer entsprechenden Deutung und die einzige Bedeutung feststehe.

Diesseits all dieser Vereinfachungen lehrt die Sprachwirklichkeit schnell, dass eine Äußerung auch dann, wenn sie „Kopfschütteln“ oder auch heftigere Widersprüche hervorruft, noch längst nicht sprachwidrig ist. Solange sie verständlich bleibt, ist der Versuch zu ihrer Korrektur bereits ein Normierungskonflikt, der auf bestimmte Standards der Legitimierung pocht. Gerade Sprachnormen können nicht einfach festgestellt werden. Weder dadurch, dass ein Muttersprachler am Schreibtisch nachdenkt, noch dadurch, dass man im Wörterbuch nachschlägt. Sprachnormen deuten vielmehr auf legitimatorische Standards hin und deren Untersuchung muss man sich allerdings konkret auf das jeweilige Sprachspiel einlassen. Sprachnormen und aus ihnen erwachsenden Konflikte entziehen der Vorstellung einer im Wortlaut vorgegebenen Bedeutung sehr schnell den Boden. Sie machen ein gestaltendes Moment im Sprechen sichtbar, welches sich der schlichten Dichotomie sprachwidrig oder sprachrichtig entziehen.
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Sprache, Recht, Gewalt
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