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Recht&Sprache Recht und Sprache
Linguistik Rechtslinguistik: Sprache des Rechts
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Grammatische Auslegung 
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Die grammatische Auslegung findet weder in der Fachsprache noch gar in der Alltagssprache einen einheitlichen und stabilen Sprachgebrauch vor. Auch durch Nachschlagen im Lexikon findet der Richter nur Beispiele für den Sprachgebrauch in bestimmten Kontexten; aber keine Sprachnormen, die ihm Auskunft darüber geben, welcher Sprachgebrauch der richtige oder vorzugswürdige sei. Hier bedarf es einer Entscheidung; mit der Gefahr, dass der Richter seine eigene Sprachkompetenz zum „idealen Sprecher“ aufbläht und dem abweichende Sprachgebrauch der Betroffenen die Berechtigung abspricht.

So gesehen mag es zwar löblich sein, wenn Juristen überhaupt im Zweifel über den Sprachgebrauch in Wörterbüchern nachschlagen. Dennoch finden sie dort nicht die von der Sprache vorgegebene und von den Lexikographen aufgeschriebene Grenze zulässigen Sprechens. Sie finden vielmehr allenfalls Anregungen für bisher nicht bedachte Verständnisvarianten. Und sie finden Hinweise auf vorher vielleicht übersehene Kontexte. Mit dem Griff zum Wörterbuch ist die Arbeit grammatischer Arbeit also nicht getan. Sie beginnt damit erst.

Dies liegt in nichts geringerem als in den "Verhältnissen unsrer Sprache" selbst begründet. Um die einzige Bedeutung des Rechtstextes zu garantieren, muss die juristische Theorie die Komplexität des Sprechens zu der Sprache reduzieren. Die erste Vereinfachung liegt darin, dass man von der Sprache ausgeht, als sei diese eine überschaubare und homogene Größe mit Normen, die überall und für jeden gleich ‘gelten’. Die zweite Vereinfachung betrifft den Kontext einer geäußerten Zeichenkette, welcher als endlich und beherrschbar vorausgesetzt wird, um so die Klarheit der Bedeutung zu garantieren. Die Praxis allerdings belehrt hier sehr schnell eines besseren. Schon die schlichte Frage, wie dunkel es sein muss, damit man von „Nachtzeit“ sprechen kann, erschüttert das Vertrauen in die Sicherheit vorgegebener Bedeutung. Notorisch vor allem dann, wenn sie von Juristen gestellt wird. Stehen gar zwei Juristen beisammen, um darüber zu diskutieren, so ist vollends jeglicher sprachliche Boden unter den Füßen verloren.

Diesseits all dieser Vereinfachungen lehrt die Sprachwirklichkeit schnell, dass eine Äußerung auch dann, wenn sie „Kopfschütteln“ oder auch heftigere Widersprüche hervorruft, noch längst nicht sprachwidrig ist. Solange sie verständlich bleibt, ist der Versuch zu ihrer Korrektur bereits ein Normierungskonflikt, der auf bestimmte Standards der Legitimierung pocht. Gerade Sprachnormen können nicht einfach festgestellt werden. Weder dadurch, dass ein Muttersprachler am Schreibtisch nachdenkt, noch dadurch, dass man im Wörterbuch nachschlägt. Sprachnormen deuten vielmehr auf legitimatorische Standards hin und fordern sie auch ein. Zu deren Untersuchung muss man sich allerdings konkret auf das jeweilige Sprachspiel einlassen. Sprachnormen und aus ihnen erwachsenden Konflikte entziehen der Vorstellung einer im Wortlaut vorgegebenen Bedeutung sehr schnell den Boden. Sie machen ein gestaltendes Moment im Sprechen sichtbar, welches sich der schlichten Dichotomie sprachwidrig oder sprachrichtig entziehen.
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