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Die Bedeutung juristischer Methodik 
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Es gibt zwei Gründe für eine wachsende Bedeutung der juristischen Methodik:

1. die Explosion des Wissens und
2. Das Verschwinden der herrschenden Meinung.

Zunächst zur Explosion des Wissens. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass 90 % aller Wissenschaftler der Menschheit jetzt leben und Wissen produzieren, wird die Explosion tatsächlich zum zureichenden Bild der Entwicklung. Max Baumann (M. Baumann, Recht - Sprache - Medien oder Die Notwendigkeit der interdisziplinären Öffnung der Rechtswissenschaft, in: Gesetzgebung heute, 1995/3, S. 11 ff., 23 f.) erläutert dieses Bild folgendermaßen: "Der Kernbereich stellt eine historisch frühe Stufe dar, auf welcher Kommunikation und gesellschaftliche Organisation in gleicher Weise alle Mitglieder der jeweiligen Gruppe umfassen. Hauptkommunikationsmittel (nebst Tanz, Gesang, Ritual) in diesen archaischen Kleingesellschaften ist die gesprochene Sprache. Jeder weiß alles über jeden, die Übermittlung ist schnell, und es existiert kein Informationsmonopol. Herrschaftsstrukturen sind kaum entwickelt, Religion, Sitte und Recht bilden eine Einheit. Darum herum liegen drei konzentrische Kreise, die gleichsam die Wellen der Explosion der gesellschaftlichen Organisation wie der in den jeweiligen Systemen verfügbaren Informationen und Kommunikationsmittel darstellen. Die zeitlichen Abstände dieser Explosionswellen werden dabei immer kürzer. Was im Schema gleich groß dargestellt wurde, entspricht in der geschichtlichen Realität ungefähr Zeiträumen von 5.000 Jahren, 500 Jahren, 5 Jahrzehnten, während wir am äußersten Rand bereits in Kurz- und Kürzestperioden von wenigen Jahren oder zum Teil nur nach Monaten zu rechnen haben."

Bei uns geht es nicht um die ratio decidendi, denn das kontinentale Rechtssystem geht vom Gesetz aus. Aber auch bei uns gab es bisher einen Kompass zur ungefähren Orientierung und Voraussage dessen, was die Gerichte unter dem Gesetz als Recht produzieren: die sogenannte herrschende Meinung. Sie bestand, oder besser wurde geformt, aus einer kleinen Anzahl von Entscheidungen, garniert mit etwas Literatur. Aber leider sind die Zeiten der Gemütlichkeit unwiderruflich vorbei. Heute sind immer mehr Entscheidungsanalysen und immer mehr Jahrgänge von Zeitschriften per CD-ROM verfügbar. Jeder kann sich damit rasch für sein Problem eine herrschende Meinung zusammenklicken. Die Zunahme des dogmatischen Wissens zahlen wir mit dem Nichtwissen dessen, was "wirklich" die herrschende Meinung ist.

Wie wird das Rechtssystem auf diese Situation reagieren? Positionen können jetzt nicht mehr quantitativ bewertet werden. Denn jeder Computer spuckt auf Knopfdruck beliebig lange Kolonnen von Entscheidungen desselben Gerichts aus, die für und gegen eine bestimmte Interpretation sprechen. Durch Mausklick kann man diese Rollen leicht vertauschen. In den Vordergrund tritt in dieser Situation die qualitative Bewertung der Argumente. Welches Argument ist spezifischer und näher der Sache? Wenn die Quantität an Informationen keinen Unterschied mehr macht, wird die methodische Dimension entscheidend. Denn diese bewertet nicht die Quantität, sondern die Qualität, das heißt das Design der Information.

Der Jurist als Jäger und Sammler von Zitaten ist eine Figur von gestern. Was heute zählt, ist der Jurist als Informationsdesigner, der nicht durch Quantität erschlägt, sondern durch Qualität an der richtigen Stelle überzeugt. Fußnotenkolonnen treten zurück hinter der methodischen Strukturierung. An die Stelle vom biederen Fleiß tritt der professionelle Stil.
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