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Methodik
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Sprachgebrauch und Wörterbuch
Konkret wird die traditionelle juristische Methodik in technischen Anweisungen: "Die Feststellung des Wortsinnes geschieht in Stufen. Vorweg ist zu überlegen, ob nicht eine Definitionsnorm eingreift, die die weitere Auslegung entbehrlich macht. Andernfalls ist wie folgt vorzugehen: Primär ist der juristische Sprachgebrauch maßgeblich und zu ermitteln, beispielsweise bei den Ausdrücken Miete und Leihe, Eigentum und Besitz, Widerruf und Rücknahme von Verwaltungsakten (...). Bei nichtjuristischen Fachbegriffen (z. B. aus der Technik, Medizin, dem Umweltbereich) ist der dort gebräuchliche 'professionelle' Sprachgebrauch maßgeblich. (...) In den verbleibenden Fällen kommt es auf den allgemeinen umgangssprachlichen Gebrauch an. Bei schwierigeren Ausdrücken ist es möglich, ein Lexikon oder andere Hilfsmittel heranzuziehen. Beispielsweise hat der BGH folgende Hilfsmittel herangezogen: Das Grimmsche Wörterbuch in BGHSt 12, 366 zur Bestimmung des Wortsinns von 'verunglimpfen', im Sinne des § 189 StGB; den Brockhaus in MDR 96, 188 für den Wortsinn von 'Magazin', in NJW 86, 431 für den Wortsinn von 'Omnibus' (Ergebnis: ein VW-Transporter-Kleinbus ist kein Omnibus); den Duden in NJW 82, 1278." (Schmalz, D.: (I) Die juristische Fallösung. Gedankengang, Aufbau, Darstellung, Karlsruhe und Heidelberg 1976, S. 88)

Entscheidender Bezugspunkt soll hier also der Sprachgebrauch sein. Dieser wird in juristischen, fachlichen und alltagssprachlichen Gebrauch abgestuft. Zu ermitteln ist er demnach zunächst durch Lexika. Es stellt sich daher die Frage, ob denn in diesen die "natürliche Bedeutung" überhaupt zu finden ist, die man zur normativen Grundlage für die Beurteilung widerstreitender Lesarten machen könnte. Die implizite Leitvorstellung ist für diese Tradition das Rechtschreibwörterbuch. Man schaut nach und weiß dann, was richtig ist.

Allein schon der Umstand aber, dass von Fall zu Fall verschiedene Wörterbücher herangezogen werden, lässt Zweifel daran aufkommen. Denn es ist tatsächlich nicht so, dass in allen das gleiche steht; so müsste es aber sein, wenn die Lexika einen in der Sprache selbst gegebenen Stand von Bedeutung bloß noch dokumentieren würden. Wörterbücher konstatieren nun aber nicht einfach sprachliche Tatsachen, sondern sie schaffen sie nach lexikologischen Prinzipien für ihre Benutzer: "Denn alle Wörterbücher sind Gebrauchsgegenstände. Jeder Gebrauchsgegenstand hat mindestens einen genuinen Zweck, der darin besteht, dass er anhand bestimmter Eigenschaften gebraucht werden kann, um diejenigen Handlungsziele zu erreichen, um deren Erreichung willen er hergestellt wurde. Dies gilt auch für Wörterbücher. Auf der höchsten Ebene der Generalisierung kann ihr genuiner Zweck wie folgt angegeben werden: Er besteht darin, dass ein Wörterbuch benutzt wird, um anhand geordneter lexikographischer Daten, die in den Teiltexten mit äußerer Zugriffsstruktur zu finden sind, lexikographische Informationen zu Eigenschaften von sprachlichen Ausdrücken zu erschließen, die zum jeweiligen Wörterbuchgegenstand gehören." (Wiegand, H. E.: Über die gesellschaftliche Verantwortung der wissenschaftlichen Lexikographie, in: Journal of Linguistics 18, 1997, S. 177 ff.) Für den Status von Wörterbüchern ergibt sich daraus folgendes: Die in ihnen als sprachliche Standards für den Gebrauch festgeschriebenen Bedeutungserklärungen werden überhaupt erst dadurch zu "Tatsachen", dass ihr Gebrauch - durch sie als die lexikalische Berufungsinstanz - als solcher akzeptiert und dargestellt wird. Einer bekannten Ideologie zufolge, erst rechtes Schreiben ziehe rechtes Denken nach sich, wird auch in diesem Zusammenhang besonders den Rechtschreibwörterbüchern die größte Autorität zugemessen. Man darf über alldem aber nicht vergessen, dass diese nur in der Schule und außerdem nur aufgrund rechtlicher Anordnung als verbindliche Instanz für Fragen der Korrektur von Schülerarbeiten herangezogen werden. Alle anderen Wörterbücher können auf ein administratives Fundament ihrer Anerkennung und damit auf Verbindlichkeit nicht bauen. Wie fragil diese Anerkennung im übrigen ist, hat sich etwa in den Auseinandersetzungen um die Rechtschreibreform gezeigt. Presse und Verlage waren nur zum Teil bereit, die neuen Regelungen zu übernehmen.

JM I
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