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Benutzung des Wörterbuchs
Man versetze sich für einen Moment in die Lage des Wörterbuchbenutzers. Es verhält sich doch wohl gewöhnlich wie folgt: "Sie werden von Verweisen getrieben, Sie blättern und suchen und stellen am Ende fest, dass Sie jetzt noch ein etymologisches, ein mittelhochdeutsches, ein bestimmtes Fachsprachen- und ein Synonymenwörterbuch brauchen. Selbst wenn Sie bei einem einzigen Wörterbuch bleiben, stellt sich Klarheit erst nach mehrmaligem Blättern oder Suchen ein. Da wollen Sie vielleicht wissen, was Leiharbeit ist, und erfahren: ,durch einen Leiharbeitnehmer durchgeführte Arbeit'. Sie wechseln zum Stichwort Leiharbeitnehmer: Ein ,Arbeitnehmer, der in einem Leiharbeitsverhältnis steht'. Weitersuchen unter Leiharbeitsverhältnis. Erklärung: ,Abordnung eines Arbeitnehmers zur Arbeit im Betrieb eines anderen Arbeitgebers für eine begrenzte Zeit unter Fortbestand seines Arbeitsverhältnisses mit dem bisherigen Arbeitgeber'. Leider steht nicht dabei, seit wann es den Ausdruck gibt, auch keine Zitate. War Leiharbeit nicht ein Thema beim Umbau des Reichstagsgebäudes in Berlin? Wie ist die Wortbildung zu verstehen - wird Arbeit verliehen oder ein Arbeiter? Kann man das Wort im Plural gebrauchen bzw. ist der Plural belegt? Und die Schreibung mit Bindestrich? Kann man Menschen verleihen, oder müsste man die Bildung des Ausdrucks sprachkritisch kommentieren? Welche Arten des direkten Objekts gibt es bei dem Verb leihen ganz allgemein? Ist das Wort Leiharbeit eigentlich eine offizielle Bezeichnung des Arbeitsrechts oder eher eine journalistische Bildung, und wenn Letzteres, wie wird der Sachverhalt dann in juristischen Texten bezeichnet? Welche Wörter auf -arbeit gibt es sonst noch? Gibt es heute mehr und andere Zusammensetzungen mit -arbeit als in den vergangenen Jahrhunderten oder Epochen? Welche Wörter fangen sonst noch mit Leih- an?" (Fraas, C./ Haß-Zumkehr, U.: Vom Wörterbuch zum lexikalischen Informationssystem. LEKSIS - ein neues Projekt des Instituts für deutsche Sprache, in: Deutsche Sprache 26/4, 1998, S. 289 ff., 289) Dieses Beispiel macht die Vielfalt der Möglichkeiten deutlich, sich die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke zu erschließen. Wenn der Griff zu einem bestimmten einzelnen Wörterbuch für das Gewinnen eines Wortverständnisses kein blinder Zufall sein soll, dann liegt dem offenbar schon eine Entscheidung zugrunde, die mit Unterschieden in der jeweiligen Behandlung der Lemmata, d.h. der einzelnen Wörterbucheinträge, durch die verschiedenen Nachschlagewerke zu tun hat. In der Tat weisen oft schon die Wörterbücher gleichen Typs differierende Bedeutungserklärungen mit entsprechenden Belegstellen auf. Hinzu kommt die noch heiklere Frage, welche Art von Wörterbuch aus der Bandbreite einer ganzen Typologie gewählt werden soll, um zu einem bestimmten Verständnis eines gegebenen Ausdrucks zu kommen. Und als weiterer wichtiger Faktor muss gewertet werden, dass die Benutzung von Wörterbüchern ganz offenbar eine eigens zu reflektierende und zu lernende Tätigkeit darstellt. Wesentlich ist in jedem konkreten Fall, dass keine der verschiedenen Verständnisweisen eines Wortes ohne weiteres zurückgewiesen werden kann; jedenfalls so lange nicht, als der Jurist dem Wörterbuch die dafür maßgebliche Autorität zumisst. Weist er die Variante des einen Wörterbuchs zugunsten der eines anderen ab, so fällt er genau in das Problem zurück, das er auf diese Weise zu lösen versuchte, nämlich in die Frage der verbindlichen Richtigkeit eines bestimmten einzelnen Sprachverständnisses. Mit der Entscheidung für ein bestimmtes Wörterbuch geht nolens volens die Option für eine bestimmte Sichtweise bei der semantischen Erläuterung sprachlicher Ausdrücke immer schon einher. Selbst die vordergründig naiv erscheinende Formel, es handle sich bei einem Wörterbuch um ein Werk, in dem die Wörter einer Sprache alphabetisch aufgelistet und durch eine Bedeutungsangabe erklärt werden, zeigt in jedem Erklärungselement ihre Fallstricke: So selbstverständlich, wie es aufgrund der Verbreitung entsprechend aufgebauter Wörterbücher in gedruckter Form erscheinen mag, ist die alphabetische Anordnung der Lemmata keineswegs, wenn man etwa an die zunehmende Verbreitung elektronischer Wörterbücher und an die verstärkte, inzwischen auch wissenschaftlich lexikographische Arbeit an ihnen denkt. Wie in anderen Bereichen ist inzwischen auch hier das überlieferte Konzept Buch zum Teil schon überholt. Es löst sich allmählich auf in den elektronisch kumulierten Zugang zu einer Vielheit von Texten, konkret in den Zugriff auf mehrere, einst einmal unabhängig voneinander publizierte Druckfassungen von Wörterbüchern. Das Stichwort, das die Suche des Juristen nach Bedeutung formuliert, trifft auf eine heterogene Masse von elektronischen Adressen, die so zu dem einen in sich divergenten Informationstext kompiliert wird. In der Tendenz zeichnet sich, durch das Internet möglich geworden, das eine, intern von Link zu Link oszillierende globale Glossarium ab. Allerdings eines, das sich auch bisher schon dem hinreichend geduldigen semantischen Sucher in Gestalt einer Bibliothek aus nahezu unübersehbar aufgereihten Wörterbücher darbot.

JM I
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