start
Technische Hinweise glossar • • • lectures suche sitemap impressum
Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
register
Wörterbuch
Jedes Wort, in das der Jurist Das Recht zu bannen sucht, entzieht ihn dem Zugriff gleich wieder. Es lässt den Juristen sofort die ihr ureigene produktive Kraft der Sprache spüren. Da ist allein schon die Frage, warum er sich ausgerechnet dieses einen Wortes zum Ausdruck von Recht bedient statt all der anderen, die sich vorderhand doch erst mal genauso gut dafür anbieten. Allein schon die Notwendigkeit, eine Wahl der Worte treffen zu müssen, diffundiert das sprachlich sicher in der Hand geglaubte Recht zur unübersehbaren Fülle seiner möglichen Formulierungen. Und wenn der Jurist seine Wahl getroffen hat, steht es nicht besser um ihn. Er muss sich sogleich die Frage gefallen lasse, warum er es damit denn ausgerechnet so versteht, wo es sich vorderhand doch auch ganz anders auffassen lässt. Mit der Festlegung auf einen Ausdruck diversifiziert die Sprache, die sich des Rechts zu versichern wähnt, in die unabsehbare Vielfalt ihrer möglichen Bedeutungsgebungen.

Auch der Griff zum rettenden Wörterbuch vermag dem Juristen nur eine kurzfristige Erleichterung von der Unentschiedenheit der Sprache zu verschaffen. Dort, wo es auf eine Bedeutung sich festlegt, stellt sich dies bei jenem näheren Hinsehen, zu dem die "wesentliche Umstrittenheit" des Sprachgebrauchs vor Gericht und damit im Moment des Rechts (Grundsätzlich analytisch dazu W. B. Gallie, Essentially contested Concepts, in: Proceedings of the Aristotelian Society 46, 1955/56, S. 167 ff.) den Juristen nötigt, schnell als der Schein des Quineschen "Mythos des Museums" heraus. (Siehe W. O. Quine, Ontologische Relativität, in: ders., Ontologische Relativität und andere Schriften, Stuttgart 1975, S. 41 ff., 42) Die Sicherheit der entschiedenen Bedeutungsangabe , die das Wörterbuch bietet ist nicht mehr als der Nimbus, mit dem es seine Macher um dessen Reputation eines Wissens um die Bedeutung umgeben. "Die herkömmlichen einsprachigen Wörterbücher verzichten gerade auf die Darstellung des jeweils stark im Wandel befindlichen Wortschatzes, weil die hinter ihnen stehenden Autoren und Herausgeber langfristig die Kodierung von 'bewährten' Bedeutungen im Auge haben, und zwar u.a. deswegen, weil sich die Wörterbücher entsprechend der tradierten 'Wörterbuchkultur' mehrere Jahrzehnte auf dem Markt halten müssen." (R. Wimmer, Zum kritischen Umgang mit Wörtern, in: Kann man den Frieden sichern?, Dokumentation des Evangelischen Pressedienstes, Nr. 3/85 1985, S. 25 ff., 35)

Nimmt der Jurist die semantische Witterung auf, die ihm selbst solche Wörterbücher noch legen, so findet er sich sogleich in der Vielfalt der Verständnisvarianten und Gebrauchsbeispiele wieder, in denen sich all die Spuren von Bedeutung und des Sprachgebrauchs zunehmend überkreuzen und verwirren ohne ihm letztlich auch nur den Hauch eines klaren Musters von Bedeutung zu belassen. Und es liegt auf der Hand, dass sich das Problem in der Situation der Vielsprachigkeit um die Zahl von Sprachen potenziert, mit denen es der Jurist etwa im Europarecht zu tun hat. Seine Situation gerät ins Paradoxe. Je genauer der Jurist wissen will, wie es um die Bedeutung der Wörter bestellt ist, je sorgfältiger er sich dabei all der lexikographischen Hinweise und Markierungen annimmt, die er finden kann, und je intensiver er ihnen in ihren Verweisen aufeinander folgt, umso mehr wird er mit der Realität dessen konfrontiert, dass es für die Formulierung des einen Rechts allein im Deutschen über 81 Millionen Sprachen gibt. So viele, wie Sprecher eben. In den Europäischen Gemeinschaften leben inzwischen etwa 320 Millionen Menschen.

Je fester der Jurist Recht mit der Sprache zu packen versucht, desto mehr entgleitet ihm diese. Will man dies mit Blick auf die Rechtssache, an der nun gezeigt werden soll, dass dies alles eben nur so scheint, in eine prosaische Metapher fassen, so bietet sich die folgende an: Je fester man versucht einen Fisch zu packen, desto schlüpfriger wird er und umso so sicherer wird er dem Zugriff entgleiten. Ihn zu fangen bedarf es doch geeigneterer Gerätschaften. Im Fall der juristischen Entscheidung eben des Instrumentariums der Methodik, durch die erreicht werden kann, die Entscheidung von Sprache als eine für Recht zu treffen. Denn Absurdität und Hoffnungslosigkeit stellen sich nur dann ein, wenn man sich für die juristische Entscheidung immer noch Zuflucht in der Geisterseherei sucht. Sie verflüchtigen sich aber ebenso wie Spukgestalten, wenn man sich statt dessen nüchtern an das hält, was unmittelbar offen zutage liegt und worum Juristen ungeachtet aller Geschichten, die sie darüber erzählen und erzählen lassen, in dem Maße auch praktisch wissen, in dem sie sich auf ihre Arbeit verstehen und ihr juristisches Handwerk beherrschen: Die Praxis von Semantik.
Druckfassung
Das könnte
Sie auch interessieren:

Bedeutung
Aufbau
Benutzung
Rechtsarbeit
Sprachgebrauch
Zum Anfang
Wir sind an Ihrer
Meinung interessiert
info@rechtslinguistik.de
Wir freuen uns
auf Ihre Anregungen
Zum Anfang
© RC 2003 ff.