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Methodik
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Theorie der Praxis
Eine Analyse der Praxis zeigt eine Diskrepanz zwischen dem, was die Gerichte tun, und dem, was sie zu tun glauben. Praktisch geltende Regeln und ihre theoretische Formulierung stimmen nicht überein. Die Vorschläge zur Regelformulierung beziehen die Gerichte aus der methododologischen Literatur. In der Praxis können sie sich aber nicht damit begnügen, psychologische Forschungen über einen dem Text zugrundeliegenden Willen des Gesetzgebers anzustellen, den vom Gesetzgeber geschaffenen einen Sinn des Textes nachzuvollziehen oder gar auf die Inspiration durch den objektiven Geist zu warten. Das tatsächliche Vorgehen der Praxis ist wesentlich komplexer als die einlinigen Konstruktionen, welche die herkömmliche Methodenlehre aus ihren bedeutungstheoretischen Spekulationen ableitet. Während die Gerichte durch Einbeziehen anderer Normtexte oder der Materialien die Textbasis ihrer Entscheidungen erweitern und Auslegungscanones zur weiteren Profilierung der Bedeutung der fraglichen Ausdruckskette heranziehen, sollen sie von der methodischen Theorie darauf verpflichtet werden, eine hinter dem Gesetz liegende Substanz zu erfassen. Die Praxis juristischer Auslegung vollzieht sich außerhalb ihrer ererbten Theorie und die Theorie juristischer Auslegung kommt in der Praxis nicht vor. Die Statik einer substantiell gefassten Bedeutung und die Dynamik eines praktischen Herstellungsprozesses lassen sich auch nicht miteinander vermitteln, sondern als Gegensatz höchstens hinter rhetorischen Fassaden verstecken. Eine Theorie der Praxis muss deswegen den Bezugsrahmen herkömmlicher Methodik aufgeben: man kann nicht von einer theoretischen Spekulation über die Textbedeutung aus die Regeln der juristischen Auslegung festlegen. Vielmehr gewinnt man umgekehrt über die Bedeutung juristischer Texte dadurch Klarheit, dass man die praktischen Regeln juristischer Textarbeit auf den Begriff bringt.

Zu fragen ist nicht, wie die Bedeutungsdoktrin juristischer Texte die Regeln der Auslegung determiniert, sondern wie die von den Juristen geübte Praxis der Textarbeit die Bedeutung juristischer Texte begründet.

Rtta 30
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