start
Technische Hinweise glossar • • • lectures suche sitemap impressum
Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
register
Streit um Sprache
Im juristischen Verfahren kommt es zum Streit darüber, "welche Bedeutung einem in Rede stehenden Ausdruck zu kommen soll." Und zwar in jeder Hinsicht. Der Streit entzündet sich ebenso an "Konflikten über die Angemessenheit der Bezeichnung für einen Problemverhalt", wie in "Konflikten über implizite Unterstellungen, über umstrittene Konnotationen". (G. Stötzel, Semantische Kämpfe im öffentlichen Sprachgebrauch, in: G. Stickel (Hrsg.), Deutsche Gegenwartssprache. Tendenzen und Perspektiven. Jahrbuch 1989 des Instituts für Deutsche Sprache, Berlin 1990, S. 45 ff., 45, Fn. 1.) Und über vielerlei mehr, was für den Sinn unserer Rede eine Rolle spielt, was für den mit dieser Rede verfolgten Zwecken dienlich, und was dem ihr prinzipiell eigenem Streben nach "sozialem Erfolg" förderlich sein mag. Und einer der nachhaltigsten solcher Erfolg ist es zweifelsohne, vor Gericht zu obsiegen.

Von daher ist der Streit auch unverkennbar einer um Sprache. "Der Begriff der Sprache (...) liegt im Begriff der Verständigung." (L. Wittgenstein, Philosophische Grammatik. Werkausgabe Bd. 4, Frankfurt/M. 1984, § 140. ) Eben darin und deshalb ist sie Praxis. Wenn man nur nicht "Verständigung", wie es Linguisten gerne tun, nur nicht als ein Elysium kommunikativen Friedens begreift. Nicht das lautere Reich der Gewaltlosigkeit ist, als das sie Juristen gern sehen und hinstellen. Nicht als einen schmerzlosen, auf freiwilliger Einsicht beruhenden Quell von Recht. Sprechen ist Handeln. Und Sprache ist Praxis, mit allen Licht- und Schattenseiten und wohin sie neigt, hängt immer von der semantischen Tat im einzelnen ab. Sprechen und Sprache sind nicht das schmerzfreie Gebiet freier Einsicht. "Sprache" ist von Handlungszielen, Strategien, Taktiken und Verantwortlichkeiten durchsetzt. Und wenn "Sprache" denn einmal als fest gegebenes System erscheint, dann deswegen, weil sie durch Erziehung und Korrektur so auferlegt wird, durch "Abrichtung", wie Wittgenstein unübertroffen treffend sagt, wofür er sich denn von zart besaiteten Interpreten den Vorwurf des Zynismus gefallen lassen muss.

All dies klingt dramatischer, als es ist. Oder besser gesagt, das Drama ist viel alltäglicher, als man gemeinhin annimmt. Im übrigen auch ganz entgegen der von vielen "Alltagssprechern" gegen die Realität ihres sprachlichen Umgangs miteinander gepflegten "Illusion des Sprachkommunismus", einer Gemeinschaft der allesamt frei und gleich über sie Verfügenden. Juristen wissen das. Das ist Grundlage ihres Geschäfts und ihres Privilegs. Und für die gewissenhafteren unter ihnen zugleich der Quell des Unbehagens und des Kopfzerbrechens über den Zwang, um des Rechts willen Sprache entscheiden zu müssen. Die Sprache des Rechts ist kein Hort 'unbefleckter' Erkenntnis von Recht aus dem Wortlaut des Normtextes, kein Reich Erkenntnis des Rechts aus dem Gesetz.

Angesichts des Ernstes der Lage, der sich Sprache vor allem im Streit verdankt, dürfte offenkundig sein, dass die Frage nach der Bedeutung natürlich nicht um ihrer selbst willen aufgeworfen wird. Und der Streit darum ist in der alles andere als nur der "Streit um Worte", als der er materialiter geführt werden muss. Es geht um weitaus mehr. Und der Streit kann nur "dadurch verstanden und erklärt werden, dass man begreift, (...) dass dieses Mehr der eigentliche Inhalt der Auseinandersetzung ist, ohne dass es jedoch möglich wäre, diesen Inhalt von den Wortbedeutungen zu trennen." (R. Wimmer Gebrauchsweisen sprachlicher Ausdrücke, in: H.J. Heringer/ G. Öhlschläger / B. Strecker / ders., Einführung in die praktische Semantik, Heidelberg 1977, S. 24 ff., 24.) Der Streit geht um den mit den Worten bedeuteten Umgang miteinander und mit der Welt, so wie er sich dann auch nicht nur zum Wohl, sondern häufig gerade auch zum Weh der Beteiligten in ihrem Gebrauch vollzieht. Kurzum, der Streit geht um Lebensform, sofern "Bedeutungen als Gebrauchsweisen sprachlicher Ausdrücke letztlich in spezifischen Lebensformen gründen". (R. Wimmer, Gebrauchsweisen sprachlicher Ausdrücke, in: H.J. Heringer / G. Öhlschläger / B. Strecker / ders., Einführung in die praktische Semantik, Heidelberg 1977, S. 24 ff., 24)

Geht es dann noch um Geld, für das die Beteiligten mit ihrem Wort einstehen sollen, oder auch nur um böse Worte, mit sie einander bedenken, und gesellt sich in der Hitze des Streits zur Uneinsichtigkeit, Hartnäckigkeit und Unversöhnlichkeit gar noch nackte Gewalt, dann ist der Jurist gerufen. Er ist der "Experte" dem gesellschaftlich die Arbeit am Konflikt zugeteilt ist und zuteil wird dann, wenn dieser in jedem Sinne "zur Sprache gebracht" und in ihr Sprache ausgetragen werden soll. Er hat das letzte Wort dann und sein Wort gilt. Nicht weil er wüsste was, was "richtig" und was "falsch" ist. Das weiß keiner, weil es in der Sprache kein richtig und falsch gibt es sei denn, es wäre so bestimmt, man kann auch sagen, jemand hätte das so entschieden, und alle hätten sich darein zu fügen und gefügt. Realiter sind daran natürlich ganze Heerscharen von Sprechern beteiligt. Eltern etwa, die ihren Kindern beibringen, wie man spricht. Lehrer, die ihnen beibringen, dass man nicht immer so spricht, wie es die Eltern sagen. Inhaber von Lehrstühlen für Linguistik, die wissen, was in der Sprache Sache ist und daher den Lehrern sagen, dass sie nichts gegen das zu sagen haben, was die Eltern ihren Kindern darüber sagen, wie man spricht. Und eben Juristen. Eigentlich ist natürlich keiner von ihnen im einzelnen dafür verantwortlich zu machen, dass man tatsächlich so spricht, wie sie es für richtig halten. Doch weil sie alle kräftig Sprache dahin drehen, ist sie für einen jeden das, was man für richtig hält. Da kein anderes Maß an Sprache gegeben ist, wird jeder sich daran halten, allein schon, um sich verständlich zu machen. Es sei denn, er kann die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, die Sprache ein wenig nach seinem Geschmack zu wenden, womit allerdings unter Umständen wieder ein Streit um die Sprache ansteht, der einer Entscheidung bedarf.

Wie gesagt, "eigentlich" nicht. Denn die Ausnahme ist der Jurist. Mit ihm wird die Hand sichtbar, die sonst als die aller im Verborgenen die Geschicke der Sprache lenkt. Ihm als einzigen ist es gegeben, nachhaltig, zwingend und, im Gegensatz zu größenlinguistischen Diktatoren, die sich mit ihren Versuchen dazu eher deren findige Unterwanderung produzieren, wirksam Bedeutung zu verordnen und damit, wie "man" zu sprechen hat. Nicht etwa, weil er doch Zugang zu einem heimlichen Quell sprachlicher Korrektheit hätte. Juristen selbst sähen dies gern so, wenn sie sich eine "Kompetenz-kompetenz" in Sachen Sprache zumessen wollen. Sondern weil ihm kraft seines Amtes die Macht dazu gegeben ist und zwar allein deswegen.

Damit wird dem Juristen die für seine Arbeit unumgängliche Entscheiden von Sprache eben auch endgültig zur Last, das heißt, wie schon erwähnt, zumindest dem um die Sprache aufgeklärt gewissenhaften Juristen. Zur Last einer Rechtfertigung, die er imgrunde genommen gar nicht tragen kann. Recht will und soll als anerkennenswerte und -würdige Macht eben mehr und anderes sein als die bloße Gewalt des Eingriffs, als bloße Gewalt über Sprache. Jedenfalls dann, wenn Recht nicht als schieres Faktum der Entscheidung dem sprachphilosophisch bemäntelten Dezisionismus eines "Souveräns über die konkrete Sprachordnung" frönen soll. (Allgemein sieht dies etwa P. Muhr, Der Souverän über die konkrete Sprachordnung. Bemerkungen zu Kripkes elementarer Darstellung des Problems des Regelfolgens und des Arguments gegen private Sprachen in Wittgensteins Philosophische Untersuchungen, Frankfurt/M. / Bern / New York / Paris 1989, S. 88 ff. ) Und doch kann der Jurist seine Entscheidung der Bedeutung eines Normtexts nicht aus der Sprache begründen. Er kann sie nur vollziehen. Und "Macht" statt nackte Sprachgewalt kann nur daraus werden, wie er dies tut. An all das ist immer wieder nachhaltig zu erinnern, wenn die Frage nach einem Recht durch Sprache auf der Tagesordnung steht. Denn genau dies eben scheint Juristen aufs äußerste unbehaglich zu sein und ihnen um des Renommees ihres Geschäfts willen nicht zu genügen. Ein weitergehender Verdacht soll hier angesichts der alles in allem gewissenhaft methodischen Arbeit des EuGH nicht geäußert werden.

Was Recht ist, entscheidet Sprache. Aber Sprache ist nicht mehr als die Antwort auf die Frage nach Bedeutung, die sich als Leitlinie aller Rede im Bereich der in diese Frage Involvierten durchzusetzen vermag. Juristen wissen das nur allzu gut. Denn das ist, auf die Mittel und Wege hin besehen, ihre Arbeit. Und sie wissen umso besser darum, je mehr sie bemüht sind, dies mit allerlei theoretischen und philosophischen Ausflüchten in das Schattenreich irgendwelcher Ideen von "Sprache" vergessen zu machen.

Dass sich Juristen hier immer wieder einiges einfallen lassen, verwundert nicht. Denn mit der Entdeckung ihrer Realität als Praxis verliert Sprache eben unübersehbar und mit aller Philosophie und Sprachtheorie nicht mehr wegleugnenbar alle ihr zugemessene Harmlosigkeit als bloßes Medium der Verständigung und des Umgangs mit den Dingen und miteinander. Wenn Sprache nichts anderes ist als der Vollzug der Entscheidung über sie, dann steht mit ihr auch unübersehbar die Frage an, wer diese Entscheidung gegen wen trifft und was ihm das Recht dazu gibt, sie so und nicht anders zu treffen. Mit der Sprache erhebt sich so die Frage der Gewalt nicht über sie, sondern mit ihr über jene, die um ihrer selbst als gesellige Wesen willen sie zu sprechen gezwungen sind.

Dies ist der drohende Fingerzeig zurück auf den Juristen, der nicht anders kann als zu beteuern, dass er mit seiner Entscheidung doch nur Recht gesprochen hat, und dass er gerade damit jene in Sprache als Entscheidung liegende Gewalt eben in Recht gebannt hat, gleichsam wie Aladins Geist in die Flasche.
Druckfassung
Das könnte
Sie auch interessieren:

Bedeutung
Diskurs
Entscheidung
Gewalt
Ordnung
Praxis
Recht
semantischer Kampf
Spracharbeit
Sprachnorm
Zum Anfang
Wir sind an Ihrer
Meinung interessiert
info@rechtslinguistik.de
Wir freuen uns
auf Ihre Anregungen
Zum Anfang
© RC 2003 ff.