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Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
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Repräsentationsmodell
In der herkömmlichen methodischen Literatur wird betont, dass die Rechtsnorm nicht im Text liegt. Damit ist jedoch nicht gesagt, die sogenannte ursprüngliche Bedeutung eines Textes sei immer ein nachträgliches Erzeugnis des daran anknüpfenden Sprachgebrauchs. Vielmehr will man im Sinn eines Repräsentationsmodells hervorheben, dass die Norm "dahinter" liegt, als vom Wortlaut bloß Bezeichnetes. Der Gesetzestext ist demnach "Träger" oder "Ausdruck" des als stabile Grundlage hinter ihm stehenden Sinns. Die Schrift des Gesetzes ist bloß Vordergrund. Entscheidend ist die Hinterwelt. Denn dem Schreiben gehen geistige Entitäten voraus, die vom Text nur nachgezeichnet oder ausgedrückt werden. Die juristische Sicht der Auslegung nimmt damit das alte theologische Modell von der Sprache als Kleid des Gedankens auf: um den Gesetzestext vollständig zu verstehen, muss der Rechtsanwendende den hinter dem bloßen Text verborgenen Gedanken, die Rechtsnorm, erfassen. Die Geltung des Normtextes, also die Summe der Anforderungen, die er an den Amtsträger stellt, wird damit gleichgesetzt mit einer durch den Text objektiv vorgegebenen Bedeutung als Rechtsnorm.

Die vom Repräsentationsgedanken ausgehende und zur objektiven Sprachordnung erweiterte Semantik des Positivismus wird dann deduktiv auf das juristische Handeln angewendet. Auslegung ist danach eine kontinuierliche und homogene Ableitung aus dem sicheren Ursprung einer dinghaft vorgegebenen und im Text repräsentierten Bedeutung. Die Auslegung muss "reduktiv" auf die Norm schließen. Indem sie das Gesetz präzisiert, benennt sie dessen vorgegebenen Sinn nur deutlicher, legt sie ihn, wie einen eingerollten Teppich, lediglich aus. Grundlage dieses Modells sicherer Ableitung ist die alte metaphysische Vorstellung, dass die Schrift die Gegenwart eines Gedankens oder Meinens ersetze. Der Text ist demnach Ersatz oder Supplement für die volle Gegenwart des Sinns, welche in der schriftlichen Mitteilung zum bloßen Zeichen abgeschwächt sein soll. Die Aufgabe der Auslegung besteht dann darin, die ursprüngliche Gegenwart des Meinens, Gedankens usw. wieder herzustellen. Der ursprünglich mit sich selbst identische Sinn wird zwar durch die Schrift zunächst um seine Gegenwart gebracht, aber im Weg der Auslegung wird diese Gegenwart wieder hergestellt.

Rtta 19 ff.
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