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Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
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Recht und Gewalt
Juristische Textarbeit formiert sich als Entscheidungstätigkeit in einem Gewaltverhältnis. Gewalt ar beitet schon in der Versprachlichung des Konflikts: eine Vielfalt verschiedener Erzählungen dessen, was vorgefallen ist, muss zunächst reduziert werden zu einer Version und dann im Verlauf der Beweiserhebung durch die privilegierte Erzählung, die das Gericht im weiteren zugrunde legt, ersetzt werden.

Gewalt arbeitet aber nicht nur von vornherein in Richtung des Rechtsfalls, in dessen Rahmen das Konfliktgeschehen auf den Begriff gebracht und damit als eine 'Sachlage' überhaupt erst für eine rechtsförmige 'Behandlung' und Regelung 'greifbar' und handhabbar gemacht werden soll. Sondern Gewalt wirkt mit dem Eintritt in das gerichtliche Verfahren auch schon zur Seite des Gesetzes hin, anhand dessen der Konflikt zu regeln ist. Kläger und Beklagte wollen nicht etwa das Recht finden. Sie glauben im Gegenteil, es schon zu haben: einander entgegengesetzte Versionen dessen, was Recht ist. Und es kann sich, von daher, höchstens eine von ihnen durchsetzen, wenn überhaupt eine Entscheidung zustande kommen soll.

"Recht" ist also nicht nur im ganzen, im allgemeinen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung darum "wesentlich umstritten". Sondern es ist 'in der Sache' auch und gerade im 'kleinen', in der einzelnen Auseinandersetzung vor Gericht mit jedem Begriff im Streit, mit dem es zur Sprache gebracht wird.

Aus dem Scheitern des Versuchs, das Entscheidungsmoment in Erkenntnis aufzulösen, könnte man nun ableiten, dass Recht eben nichts anderes als reine Gewalt sei. Die Anwendung des Rechts ist von Entscheidungen durchsetzt, nicht vollkommen regelgeleitet; sie ist es ebenso wenig, wie es die Schläge sind, die sich Boxer in einem sportlichen Kampf zufügen. Mit solcher Reduktion auf Gewalt hätte man jedoch die Gleichsetzung "Recht gleich vollständige Regelgeleitetheit" vollzogen und damit das Recht auf seine positivistische Theorie schrumpfen lassen. In der Folge wäre es dann nur noch von seinen unabsehbar vielen und divergierenden Anwendungen bestimmt; so als erschöpfte sich der Boxkampf ohne jede Unterscheidung zur Wirtshausschlägerei im wilden Hagel der Hiebe. Man hätte sich also in der schlechten Alternative von Regelplatonismus und Regelskeptizismus verfangen. Während der Positivismus die in der Umsetzung des Rechts liegende Gewalt verleugnet, leugnet umgekehrt der Dezisionismus die im Anwenden von Gewalt liegende Rechtsförmigkeit. Sowohl vom Positivismus wie auch von seinem dezisionistischen Schatten wird das Verhältnis von Recht und Gewalt als ein äußerliches aufgefasst.

Recht und Gewalt können einander nicht abstrakt gegenübergestellt werden. Dadurch wäre entweder die Möglichkeit verstellt, in der Praxis des Rechts die Gewalt zu erkennen oder umgekehrt in der Praxis der Gewalt das Recht. Es würde die Möglichkeit verspielt, wirkliches Recht zu begreifen. Erst mit Blick auf die interne Verknüpfung von rechtsförmiger Gewalt mit gewaltförmigem Recht wird eine Unterscheidung von legitimer und illegitimer Gewalt möglich. Es geht eben nicht darum, wie es der Positivismus suggeriert und wie es ihm der Dezisionismus allzu bereitwillig bestätigt, Recht gegen Gewalt zu konfrontieren. Es handelt sich vielmehr darum, die Kontaminierung beider zu erfassen. Wenn wir vom Recht verlangen, es müsse in der Lage sein, wirkliche Konflikte legitim zu entscheiden, dann sind es gerade die Verunreinigungen, aus denen die Hoffnung auf das Recht erwächst:

•  Es ist die Unreinheit des Rechts, die uns überhaupt in die Lage versetzt, mit normativen Konzepten auf die Wirklichkeit einzuwirken. Denn das reine "Sollen" könnte das "Sein" nicht erreichen.
•  Es ist die Unreinheit der Sprache, die uns überhaupt in die Lage bringt, Konflikte zu entscheiden. Denn die Vielfalt der reinen Sprache liefert keine Maßstäbe für Auswahl und Präferenz.
•  Es ist die Unreinheit der Gewalt, die es uns überhaupt möglich macht, legitime Entscheidungen zu treffen. Denn die reine, von keinen äußeren Zwecken gebundene und kontrollierte Gewalt würde uns schwerlich als gerechtfertigt erscheinen.

Gerade nicht eine Reine Rechtslehre, sondern erst eine Theorie, welche die Unreinheit der Scheidungen zwischen Recht, Sprache und Gewalt begreift, hat die Chance, eine Theorie des wirklichen Rechts zu erarbeiten.

Das Verhältnis zwischen den drei genannten Größen ist dabei nicht von einer Überordnung des Rechts geprägt, nicht einmal von einer Gleichordnung. Das Recht ist vielmehr das Medium, in welchem sich Sprache und Gewalt begegnen und bearbeiten.

Rtta 59 f. 112 ff.
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