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Sprachregeln
Auch wenn Lexika nicht die Rolle eines Sprachgesetzbuchs übernehmen können, bleibt doch der Sprachgebrauch selbst als normativer Orientierungspunkt: "Gibt es keine externen Hilfsmittel, ist ein eigenes Verständnis zu entwickeln und zu Grunde zu legen. Beispielsweise ging es in BVerwGE 85, 228 um die Frage, ob der Abbau von Sand und Kies im Jadebusen ,Nutzung von Bodenschätzen' ist. Das BVerwG stellt fest, dass der Ausdruck ,Bodenschatz' zwei bedeutungstragende Elemente enthält: Im Wortteil ,Schatz' wird eine wertvolle Eigenschaft des Gegenstandes vorausgesetzt. Außerdem wird mitgedacht, dass der Gegenstand nicht ohne weiteres bekannt oder zugänglich ist und erst aufgesucht und geborgen werden muss. Das setzt sich im Ausdruck ,Bodenschatz' fort. Bodenschätze sind ,Schätze' des Bodens, nicht aber der Boden selbst. Sand und Kies sind im Bereich der Küstengewässer ein üblicher Meeresgrund und kein Bodenschatz." (Schmalz, D.: Die juristische Fallösung. Gedankengang, Aufbau, Darstellung, Karlsruhe und Heidelberg 1976, S. 89)

Vordergründig scheint einiges dafür zu sprechen, sich bei der Erschließung des Wortlauts von Normtexten auf den Sprachgebrauch zu berufen. Schließlich kann nicht jeder reden, "wie ihm der Schnabel gewachsen ist", ohne zu riskieren, missverstanden oder gar nicht verstanden zu werden. Redet etwa jemand von "Schätzen", während doch nur wertloser Kram auf dem Boden herum liegt, so riskiert er zumindest, einem verschärften Erklärungsbedarf ausgesetzt zu sein. Eher wird er aber verständnisloses Kopfschütteln oder ratloses Achselzucken ernten. Will man das vermeiden und will man seine Ziele im Rahmen der sprachlichen Verständigung erreichen, so sollte man sich daran halten, "was die Wörter nun einmal bedeuten". Soweit derartige Urteile sinnvoll möglich sind, sollte es doch wohl einen Maßstab für die Angemessenheit und Korrektheit der Verwendung von Wörtern geben - und zwar in Gestalt ihrer jeweils bestimmten "Bedeutung", die dann auch den praktischen Umgang mit Normtexten zu fundieren vermag. Denn würde jeglicher Maßstab dieser Art fehlen, so ließe sich alles mit allem sagen, so dass umgekehrt mit einem jeden Wort nichts gesagt sein könnte. Der Sprachgebrauch verlöre sich in einem amorphen Konglomerat von bloßen Lauten und jegliche Verständigung bräche zusammen: "Mit anderen Worten: Wenn es nicht möglich ist, Worte falsch zu verwenden, ist es gleichzeitig unmöglich, überhaupt etwas Bedeutungsvolles zu sagen, also Wahres oder Falsches zu sagen." (Glüer, K.: - (I) Sprache und Regeln. Zur Normativität von Bedeutung, Berlin 1999, S. 38)

Die Freude des Juristen, hier nun endlich handfest Normatives für sein rechtliches Urteil über sprachliche Bedeutung zu finden wäre, jedoch verfrüht. Es bleibt nämlich die Frage, woraus denn sichere Anhaltspunkte für ein solches Korrektheitsurteil zu gewinnen sein sollen. Ein Maßstab setzt eben die Option voraus, in "richtig" und" abweichend" zu sortieren, damit das möglich ist, muss die fragliche Äußerung aber überhaupt als sinnvoll und damit als sprachlich etwas bedeutend verstanden werden können. Andernfalls hätte das Korrektheitsurteil keinen Angriffspunkt mehr. Daraus also, "dass ein Wort nicht mit der richtigen Bedeutung verwendet wird", lässt sich nicht schließen, "dass es ohne Bedeutung verwendet wird." Solange eine Äußerung überhaupt verständlich ist, kann ihren Wörtern nicht jegliche Bedeutung abgesprochen werden: "Denn es kann ja sein, dass es einfach mit einer anderen Bedeutung benutzt wird." Ist eine Aussage aber überhaupt verständlich, so kann sie nicht schlichtweg sprachwidrig sein. Denn dafür müsste auf Grund einer völlig verfehlten Verwendung der in ihr vorkommenden Ausdrücke jede Möglichkeit verloren gegangen sein, sie als Äußerung zu verstehen.; jedenfalls dann, wenn man "versucht, die präskriptive Kraft der Konventionen einer Sprache direkt aus der Möglichkeit von Bedeutung selbst herzuleiten.".(Glüer, K.: Sprache und Regeln. Zur Normativität von Bedeutung, Berlin 1999, S. 37)

Das gilt auch für einen Rückgriff auf Sprachregeln. Diese sollen nach der sogenannten "Gebrauchstheorie der Bedeutung" das Maß für eine angemessene und korrekte Verwendung sprachlicher Ausdrücke abgeben, sollen deren Bedeutung bestimmen und zugleich jeder Äußerung die Grenzen weisen. Regeln "legen" nach dieser Ansicht "fest, unter welchen Umständen" ein Ausdruck "sinnvoller- bzw. korrekterweise verwendet werden kann." (Glock, H.-J.: Wie kam die Bedeutung zur Regel?, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Jg. 48, H. 3, 2000, S. 429 ff., S. 431) Zwar bleibt es jedem unbenommen, so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist - allerdings um den Preis, entweder nicht ernst genommen zu werden oder sich mit dem, was man zu sagen hat, nicht mehr verständlich machen zu können. Wer das dagegen möchte, hat sich dem Gebrauch anzupassen, den alle anderen von der Sprache machen, die ihrer mächtig sind. Das zu tun heißt eben, sich "an die Regeln halten". In diesem von der Absicht auf Verständigung ausgehenden Druck wechselseitiger Konformität liegt, Kripkes kommunitaristisch gewendetem Wittgenstein zufolge, die ganze Normativität von Sprache.

JM I
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