start
Technische Hinweise glossar • • • lectures suche sitemap impressum
Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
register
Normativität
Die Frage ist, was ein normatives Konzept von Sprache, Bedeutung oder Regel zu tragen vermag. Donald Davidsons Antwort lautet: gar nichts; wenigstens dann nicht, wenn es um die Möglichkeit geht, sich überhaupt sprachlich verständlich zu machen. Bedeutung gewinnen Äußerungen ganz ohne Regeln allein durch Interpretation. Solange dank dieser eine Äußerung noch zu verstehen ist, so lange ist es mit sprachlicher Bedeutung nicht vorbei. Wenn verstehbar und damit bedeutend nur ist, was auch Sprache ist, so muss alles, was verstanden werden kann, zur Sprache gerechnet und muss ihm Bedeutung beigelegt werden. Die Grenzen des Verstehbaren aber sind nahezu unabsehbar weit, wie ein zweiter Blick auf vordergründig noch so abstrus erscheinende Beispiele zeigt.

Korrektheit - und damit Bedeutung - ist nichts, worauf man schlicht Bezug nehmen kann. Wenn man es versucht, so gerät man schon mitten in die Arbeit, sich zum Sinn von Äußerungen und damit zur Bedeutung von Ausdrücken zu erklären. Und das kann man nur tun, indem man sich ein Bild der konkreten Umstände macht, in denen die Ausdrücke ihre Rolle spielen. Die Grenzen des Normalen und Korrekten im Sprachgebrauch sind, sofern sie sich auf Bedeutung beziehen, durchweg pragmatisch bestimmt. Kommt einem Wort überhaupt Bedeutung zu, so bedarf es einer Entscheidung, möglichst auch einer Rechtfertigung dafür, seinen Gebrauch in der fraglichen Situation als unkorrekt oder inakzeptabel zurückzuweisen. Diese kann sich dabei nicht auf Merkmale berufen, die den Wörtern angeblich anhaften, dadurch deren Bedeutung bestimmen und insofern der sprachlichen Verständigung normativ voraus liegen. Bedeutungen, wie immer man auf sie gekommen sein mag, vermögen keine den Sprechern "gemeinsame Methode oder Theorie der Interpretation" abzugeben. Bedeutungen sind nicht die normativ anleitende Voraussetzung für Interpretation und Kommunikation, sie sind allenfalls deren Ergebnis. Das weist auf die beiden entscheidenden "Bestimmer" von Bedeutungen hin: "die Welt und die anderen Menschen". (Putnam, H.: Die Bedeutung von "Bedeutung", Frankfurt am Main 1990 (2. Auflage), S.98 Bedeutung vollzieht sich in den Bedeutungs erklärungen, sie ist Ausdruck der jeweils relevanten, von der Sprechergemeinschaft als verbindlich und normal postulierten Überzeugungen. Diese stehen aber nicht ein für alle mal fest. Vielmehr müssen sie durch die Praktiken dieser Gemeinschaft in gegenseitiger Kontrolle und Korrektur immer wieder aufrecht erhalten und eingesetzt oder aber in Einzelfällen durch die Tolerierung des Befremdlichen verändert werden. Bei solchen Vorgängen gibt es bekanntlich immer Wortführer; das heißt solche Instanzen und Individuen, welche die Mittel und die Autorität haben, einen bestimmten Sprachgebrauch (und damit das, was die Dinge dem Wort nach "sind") durchzusetzen - die Massenmedien zum Beispiel, oder Juristen. Die Bedeutung eines Ausdrucks kennen, eine Äußerung beim Wort nehmen können, heißt also, die nach vorherrschender Meinung richtigen Dinge dazu zu sagen. Jeder von bestimmten Wortverwendungen ausgehende soziale Druck, es sprachlich ebenso zu machen, ist eine durch und durch praktische Angelegenheit. "Sprache" als solche gibt das nicht her. Von "Sprache" bleibt, realistisch besehen, nicht mehr als ein kontextsensibler Differenzierungsprozess, der sich ständig bewegt und verändert. Was man die Bedeutung eines Ausdrucks, nennt ist nur eine mehr oder weniger flüchtige Momentaufnahme innerhalb dieses Vorgangs; ist ein Knoten im einem Netz von Differenzen, den Verständnis und Interpretation erzeugen und den der nächste Akt der Verständigung bereits schon wieder lösen kann. Von der sprachlichen Bedeutung als normativer Legitimationsinstanz für die Rechtsarbeit bleibt nichts übrig. Nur in den Arbeitsvorgängen demokratisch und rechtsstaatlich vertretbarer Entscheidung und ihrer argumentativen juristischen Begründung kann Normativität hergestellt werden.

JM I
Druckfassung
Das könnte
Sie auch interessieren:

Bedeutung
Pragmatische Wende
Sprachnormativismus
Sprachregeln
Semantik
Zum Anfang
Wir sind an Ihrer
Meinung interessiert
info@rechtslinguistik.de
Wir freuen uns
auf Ihre Anregungen
Zum Anfang
© RC 2003 ff.