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linguistische Diskursanalyse
Um Muster geht es einer insofern hausgemachter "linguistischeren" Diskursanalyse, als ihr "zentraler Bezugspunkt" dezidiert "der 'Sprechakt' als 'Grundeinheit der Kommunikation'" ist. (Ludger Hoffmann, Kommunikation vor Gericht, Tübingen 1983, S. 11.) Im Unterschied zur analytischen Sprechakttheorie Searlescher Prägung verfährt sie dabei allerdings, "streng sprachspezifisch, denn sie untersucht einzelne sprachliche Produktionen und nicht das, was allen Produktionen gemeinsam ist; darüber hinaus ist die Diskursanalyse oft auf bestimmte institutionelle Kontexte bezogen: sie ist entweder an den besonderen sprachlichen Realisierungen in diesen interessiert, oder sie muss diese Kontexte in Betracht ziehen, um die beobachteten Phänomene richtig einordnen zu können." (Dieter Wunderlich, Entwicklungen der Diskursanalyse, in: ders., Studien zur Sprechakttheorie, Frankfurt/M. 1976, S. 293 ff., 298 f.) Sprechakte werden also weder isoliert, noch abstrakt betrachtet. Als "sprachliche Handlungen": bilden sie "einen spezifischen Teil menschlicher Handlungen" und das heißt nachdrücklich eben "gesellschaftlicher Handlungen". (Vgl. hier und zum Folgenden Konrad Ehlich / Jochen Rehbein, Sprachliche Handlungsmuster, in: Hans Georg Soeffner (Hg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften, Stuttgart 1979, S. 241 ff., 247 ff. ) Ihre Ausprägung gewinnen sie immer erst in Hinblick auf jene kommunikativen Zusammenhänge, in denen sie ihre Rolle spielen und die umgekehrt zugleich durch sie ihre prozedierende Ordnung erfahren. Sie "sind also auf Ablaufsysteme bezogen, und bilden in ihnen eine Teilklasse möglicher Abläufe" und in diesem Sinne Diskursmuster, die sich zu ganzen Diskurstypen arrangieren. "Diskurstypen werden konstituiert durch Sequenzen und Muster, die den übergreifenden thematischen Zusammenhang ausarbeiten." (Dazu Ludger Hoffmann, Kommunikation vor Gericht, Tübingen 1983, S. 13.) Welche Muster und Abläufe dies dann im einzelnen sind, und wie sie zu ihrer typisch "normalen" Gestalt finden, entscheidet sich ganz konkret an den Zwecken und Zielen, die die Beteiligten verfolgen und zu deren Umsetzung ihnen zugleich umgekehrt bestimmte Formen des Handelns eine aussichtsreiche Chance im jeweiligen sozialen Kontext bieten. "Als Handlungen sind sprachliche Handlungen Realisierungen von Zwecken. Zwecke sind Beziehungen zwischen Konstellationen und Bedürfnissen im Wissen von Handelnden. Sprachliche Handlungen sind also Veränderungen von Konstellationen im Blick auf Bedürfnisse von Handelnden." Kurzum, "sprachliche Handlungsmuster" sind "Formen von standardisierten Handlungsmöglichkeiten, die im konkreten Handeln aktualisiert und realisiert werden." (Konrad Ehlich / Jochen Rehbein, Sprachliche Handlungsmuster, in: Hans Georg Soeffner (Hg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften, Stuttgart 1979, S. 241 ff., 247.)

Hier allerdings äußerste Vorsicht geboten. Die Rede von der "Aktualisierung" und "Realisierung" darf nicht dazu verführen, kommunikative Praktiken als das Abspulen eins präformierten Programms zu sehen. Was Handeln nach einem bestimmten Muster "ist", oder besser gesagt, als ein solches zu gelten vermag, entscheidet sich erst wieder in der Praxis. Muster sind nicht vorgefertigte Schablonen sprachlich kommunikativen Handelns, Sie sind Standards für dessen Zweckmäßigkeit ebenso, wie die Berufung auf sie Bedingungen für dessen Akzeptanz setzt. Sie "sind" nichts anderes als lediglich "Formen von standardisierten Handlungsmöglichkeiten", (Konrad Ehlich / Jochen Rehbein, Sprachliche Handlungsmuster, in: Hans Georg Soeffner (Hg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften, Stuttgart 1979, S. 241 ff., 249.) bzw. eine "Menge von Interaktionsbedingungen (einschließlich Bedingungen der Äußerungsform) vor dem Hintergrund institutioneller Zwecke und Zusammenhänge" und damit zugleich selbst diskursiv fundiert. (Ludger Hoffmann, Kommunikation vor Gericht, Tübingen 1983, S. 11.)

Das Credo der Diskursanalyse, das sie in jener Methodenvielfalt praktiziert, in der sie selbst sich wiederum als Verfahren sprachlicher Sinngebung hervorbringt und darstellt, lässt sich im Grunde in einem Satz zusammenfassen. "Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem, was getan, und dem, was gesagt wird." (Michel Foucault, Die Macht und die Norm, in: ders. Mikrophysik der Macht, Berlin 1976, S. 118.) Und zwar in beiderlei Richtung. Wenn man also wissen will, was geschieht, was in einem gegebenen Lebenszusammenhang, einem Bereich des gesellschaftlichen Lebens und der zwischenmenschlichen Kommunikation wie dem Recht vor sich geht, dann hat man sich daran zu halten, wie die Menschen sich dies in ihren Äußerungen gestalten und welchen Bedingungen sie andererseits dabei für die Wahl ihrer Worte unterworfen sind. Zum Diskurs allerdings wird all das erst dadurch, dass der Forscher all die Praktiken der Beteiligten, ihre Verrichtungen und Verfahrensweisen in der jeweiligen Interaktion in den Blick nimmt, um sich reflektierend mit seinen Mitteln der Darstellung und Interpretation einen Reim auf deren praktischen Wert und Sinn zu machen. "Wenn der Beobachter Interaktionen auf interpretative Weise beschreibt, kann er nicht umhin, ein zu Grunde liegendes Muster zu konstruieren, das als unerlässlicher Kontext dazu dient zu sehen, was die Situationen und Handlungen 'eigentlich' sind, während wiederum diese gleichen Situationen und Handlungen eine unerlässliche Ressource dafür sind zu bestimmen, was der Kontext 'eigentlich' ist." (Thomas P. Wilson, Theorien der Interaktion und Modelle soziologischer Erklärung, in: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hg.), Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Bd. 1, Reinbek 1973, S. 54 ff., 67.) Durch dieses Wechsel- und Widerspiel des Sinnmachens zwischen Beteiligten und Wissenschaftler ist die Analyse nolens volens mit im Boot des Diskurses.

Letztendlich ist so nichts dem Diskursiven entzogen. Nichts ist gegeben und nichts geschieht, es sei denn es wird so kommunikativ von den Beteiligten gemacht einschließlich des Wissenschaftlers der reflektierend ins Verhältnis zu den jenen ihnen hervorgebrachten Interaktionen setzt, die er als deren Produkt aufzeichnet. Zugleich ist er, nicht anders als die unmittelbar Beteiligten, darauf angewiesen, sich durch sein Verfahren mit der Sprache als solcher zu produzieren, zu profilieren und seiner Sache kommunikativ nachzugehen. Alles ist also auf seinen Sitz, seinen Teil und seine Stimme im Diskurs hin zu befragen, einschließlich der eigenen Frage nach dem Diskurs. Denn wenn letztlich alles Diskurs ist, dann wird die Frage, was jeweils "Diskurs" sein kann zu dem im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder erst Grund legenden Problem der Praxis seiner Analyse.
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