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Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
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Gegenstand der Diskursanalyse
Sprechen ist Handeln. Und alles, was an Sprache dafür von Bedeutung ist, sowie sprachlich Bedeutung hat, entscheidet sich allein praktisch. Die Rekonzeptualisierung von Sprache als Praxis kann auch als Leitgedanke der Diskursanalyse gelten. "Das mit Sprache gehandelt wird und Sprechen Funktion hat, ist eine Grundannahme im Diskurskonzept." (Gabriele Löschper, Bausteine für eine psychologische Theorie richterlichen Urteilens, Baden-Baden 1999, S. 158.) Wort und Tat, Sprechen und Handeln und in letzter Konsequenz nicht einmal Realität und Reden lassen sich nicht voneinander trennen, um sie gegeneinander auszuspielen oder auch nur irgend in ein ihnen lediglich äußerliches Verhältnis der Abbildung oder bloßen Anwendung setzen. Die damit bedeutete Perspektive auf Wirklichkeit und Gesellschaft als einer in der Sprache sozial hergestellten, welche sich selbst wiederum allein dem sie schaffenden Vollzug im Sprechen verdankt, kennzeichnet den Umbruch zu einer diskursanalytischen Sprachtheorie.

Speziell in der Bundesrepublik ging der Impuls zu einer linguistischen Diskursanalyse von der Hinwendung zu den Realitäten alltäglichen sprachlichen Handelns aus. Getragen wird diese vom Interesse, kommunikative Praxis nicht mehr nur zu theoretisieren, sondern sie in ihrem tatsächlichen Lauf aufzuzeichnen, zu beschreiben und in ihren Erscheinungsformen zu ergründen. "Diskursanalyse ist die linguistische Erforschung realer Kommunikationsabläufe, die in dokumentierter Gestalt zugänglich sind, mit dem Ziel, die Struktur und die Bedingungen einzelner Kommunikationsformen bzw. institutioneller Prozeduren zu erarbeiten, um den Zusammenhang von Handlungsmustern und Äußerungsformen, Wissensorganisation, Verstehen und Verständigungsweisen der Teilnehmer zu klären." (Ludger Hoffmann, Kommunikation vor Gericht, Tübingen 1983, S. 9.)

Die Entwicklung der Diskursanalyse ging nicht nur Hand in Hand mit der pragmatischen Wende der Sprachwissenschaft überhaupt. Sie weist vielmehr weit darüber hinaus. Der Blick auf die Praxis macht zugleich unübersehbar, dass Sprache und Sprechen einfach nicht nur Handeln, Aktion, sind, sondern als solche immer soziales Handeln, Inter-Aktion, dass Sprache mehr noch "eine aktive, etwas herstellende soziale Praxis" ist. (Gabriele Löschper, Bausteine für eine psychologische Theorie richterlichen Urteilens, Baden-Baden 1999, S. 66) Deren "linguistische Erforschung" bringt eine ganze Reihe von Ansätzen hervor, die etwa als "Gesprächsanalyse", "Konversationsanalyse" und natürlich auch ausdrücklich als "Diskursanalyse" firmieren. Die Vielfalt der Bezeichnungen ist kein Zufall. Ihr entspricht "ein breites Spektrum theoretischer Ansätze", die "aus so unterschiedlichen Traditionen wie sprachanalytische Philosophie, Ethnomethodologie / conversational analysis und Soziolinguistik" herrühren. Die Namen sind also Programm. In ihnen spiegeln sich die unterschiedlichen Ambitionen einer Beschäftigung mit Diskursen wieder.

Was die Praxis der Analyse von solchen Diskursen ihrerseits angeht ist es keine Übertreibung zu sagen, dass das Feld der Untersuchungen die ganze Fülle des kommunikativen Lebens umfasst. Sie reicht von den feinsten Mikrofasern alltäglicher Unterhaltungen über die Formen und komplexen Verfahren sozialer Beziehungen und Institutionen bis hin zu den im wahrsten Sinne des Wortes Epoche machenden Formationen und Mentalitäten. Untersucht werden, was die sprachlichen Formen angeht etwa Modalitäten, Deixis und Partikel, darüber hinaus aber auch all die intonatorischen, stilistischen und nonverbalen Mittel, mit denen sich die Teilnehmer "ins Gespräch bringen" und darin behaupten. "Detailstudien zu sprachlich-kommunikativen Phänomenen" gelten all den Praktiken der inneren Organisation von Gesprächsläufen in Sprecherwechseln, Sequenzierungen und Verteilungen von Beiträgen, Themenmanagement und Aufmerksamkeitserzeugung, aber auch all den Techniken der Bewältigung kommunikativer Krisen, Probleme und Konflikte. Unter die Lupe genommen werden Verfahren der Initiierung, Aufrechterhaltung und mitunter auch des Abbruchs sozialer Kontakte und Beziehungen von den nur scheinbar trivialen Ritualen der Begrüßung und Verabschiedung, über die Verfahren zur Bewältigung der guten, aber auch schlechten Seiten des alltäglichen Lebens wie Familiengespräche, Feuerwehrnotrufe, Bestellungen und Klatsch bis hin zu übergreifenden Erzähl- und Argumentationsformen, sowie jenen Formen und Strategien komplexen Handelns in den gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Therapie und Beratung, aber natürlich auch die Justiz. Der Bogen der Diskursanalyse spannt sich schließlich bis hin zur Untersuchung jenes "virtuellen Korpus" der ineinander verwobenen Äußerungen und Texte, die das historische, ökonomische, kulturelle und politische Gesicht einer Zeit ausmachen. Vor aller thematischen Wahl und methodischen Einschränkung gilt die Aufmerksamkeit dabei der "diskursiven Praxis" verstanden als "das gesamte Ensemble einer speziellen Wissensproduktion (...): bestehend aus Institutionen, Verfahren der Wissenssammlung und -verarbeitung, autoritativen Sprechern, bzw. Autoren, Regelungen der Versprachlichung, Verschriftlichung Medialisierung. Beispiele wären der 'medizinische' oder der 'juristische' Diskurs'." (Jürgen Link / Ursula Link-Heer, Diskurs / Interdiskurs und Literaturanalyse, in: LiLi, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 77, 1990, S. 88 ff., 90.) Und, nicht zu vergessen, der wissenschaftliche Diskurs als einer jener "Mentalitäten", in denen sich eine Zeit formiert und ihrer diskursiven Praktiken gewahr wird.
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