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Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
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Dezisionismus
Dem Dezisionismus ist zuzustimmen, soweit er gegen den Positivismus einwendet, dass das abstrakte Sprachsystem keine dem richterlichen Sprechen vorgegebene Textbedeutung garantieren könne. Der Dezisionismus ist aber abzulehnen, soweit er aus dieser Kritik die Folgerung ableitet, es könne überhaupt keine sinnvolle oder methodisch überprüfbare Beziehung zwischen geschriebenem und gesprochenem Recht hergestellt werden. Zwischen der illusorischen Lösung und der abstrakten Abwehr der Frage nach der Textbedeutung liegt das hier verfolgte Programm einer Analyse der praktischen Textarbeit. Die Konstitution der Bedeutung des Normtextes muss aus der Praxis der Textarbeit verstanden werden. Weil mit Hilfe der Normtexte lebenspraktische Aufgaben bewältigt werden , ist die Regelhaftigkeit der Bedeutungskonstitution in den wirklichen Zusammenhängen der Ingebrauchnahme dieser Textformulare zu untersuchen. Das gesprochene Recht kann dabei vom geschriebenen nicht isoliert werden, denn der Kern der von den Juristen ausgeübten semantischen Praxis besteht gerade in der Verknüpfung dieser beiden Größen.

Der dezisionistischen Kritik am positivistischen Modell der Rechtsarbeit ist beizupflichten, soweit sie sich gegen die vom Positivismus vorausgesetzte Verdinglichung sprachlicher Regeln wendet. Aber der Dezisionismus verfehlt die Eigenart von Rechtsarbeit als Textarbeit, wenn er die Möglichkeit von Bindungen in der Sprache überhaupt bestreitet. Normierungen oder methodische Standards richterlichen Sprechens werden zwar nicht schon durch objektive Regeln der Sprache selbst gesetzt und garantiert. Aber sie können an sprachliche Regeln und deren Veränderung im praktischen Sprechen anknüpfen. Wenn die dezisionistische Kritik nur die Veränderung des Sprachgebrauchs in der sprachlichen Praxis wahrnehmen will und die Kategorie sprachlicher Regeln als Gegenstand dieser Veränderung und als Bezugspunkt von sprachlichen Normierungsprozessen in Abrede stellt, dann widerspricht sie den von ihr selbst an genommenen Voraussetzungen. Denn von Veränderungen des Sprachgebrauchs kann man nur reden, wenn man den Begriff der Regel voraussetzt. Mit der Auflösung des Regelbegriffs wäre auch zugleich die vom Dezisionismus selbst beanspruchte Möglichkeit einer Sprache als Mittel intersubjektiver Verständigung aufgelöst. Denn der Begriff der Sprache ist mit der Möglichkeit der Wiederholung verknüpft und setzt damit einen Regelbegriff voraus, den Wittgenstein folgendermaßen formuliert: "Das Wort 'übereinstimmen' und das Wort 'Regel' sind miteinander verwandt. Sie sind Vettern. Lehre ich Einen den Gebrauch des einen Wortes, so lernt er damit auch den Gebrauch des anderen." ( Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe, Band 1, 1984, § 224)

Rtta S. 72, 74
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