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Methodik
Recht&Sprache Recht und Sprache
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Bedeutungsholismus
Bedeutung ist ein holistisches Konzept. Demzufolge hat "eine sprachliche Einheit nur im Kontext Bedeutung (...), wobei sprachliche Einheiten u.a. Wörter, Begriffe, komplexe Ausdrücke, Sätze, Überzeugungen oder Äußerungen sein können, während als Kontext u.a. Sätze, Sprachen, Theorien, Vokabulare, Überzeugungssysteme oder Äußerungszusammenhänge auftreten." (V. Mayer, Semantischer Holismus. Eine Einführung, Berlin 1997, S. 35.) Und eben dieser Kontext bietet alles, was dafür nötig ist, um sprachlichen Ausdrücken ihre Bedeutung zu geben. Die Verwendung sprachlicher Ausdrücke mag noch so absonderlich erscheinen, bis hin zu uns vollkommen fremden Sprachen, wie Donald Davidson mit seiner Theorie der "radikalen Interpretation" zeigt. (Siehe D. Davidson, Radikale Interpretation, in: ders., Wahrheit und Interpretation, Frankfurt/M. 1990, S. 183 ff.) Ihre Bedeutung lässt sich mit mehr oder weniger Mühe und Beharrlichkeit immer aus diesem Kontext erschließen.

der Kontexte, denen sich Bedeutung verdankt, steht sicherlich die Rolle in dem Satz, in dem ein Ausdruck vorkommt. "Die Bedeutung eines Ausdrucks ist durch den Satzzusammenhang bestimmt." (V. Mayer, Semantischer Holismus. Eine Einführung, Berlin 1997, S. 27.) Zugleich ist damit auch schon der ganze Zusammenhang einer Sprache ins Spiel gebracht, in deren Kontext die fragliche Äußerung wiederum als einer von deren Sätzen Sinn macht. "Das Zeichen (der Satz) erhält seine Bedeutung von dem System der Zeichen, von der Sprache, zu dem es gehört." (L. Wittgenstein, Das Blaue Buch. Werkausgabe Bd. 5, Frankfurt/M. 1984, S. 21.) Um dies zu sehen, braucht man sich nur daran zu erinnern, dass es uns immer möglich ist, unseren Sprachgebrauch mittels einer Vielzahl von Umschreibungen und Erläuterungen verständlich und einsichtig zu machen. Und das gilt im übrigen nicht nur für die absonderlichen, sondern auch und gerade für die ganz normalen Äußerungen, mit denen wir es im alltäglichen Geschäft sprachlicher Verständigung zu tun haben. Man braucht nur daran zu denken, dass jedes Wort zuallererst einmal gelernt, bzw. "erworben" (Dazu hier H. Putnam, Die Bedeutung von "Bedeutung", 2. Aufl., Frankfurt/M. 1990, S. 65.) werden muss und dies eben nicht anders geschieht als auf dem Wege sprachlicher Kommunikation.

Der Rekurs auf Sprache als Kontext allein vermag jedoch Verständnis und Sinngebung nicht zu tragen, sofern "die Überzeugungen der Sprecher zu den Bedeutungen ihrer Aussagen in einer Relation der Interdependenz stehen." (K. Glüer, Sprache und Regeln. Zur Normativität von Bedeutung, Berlin 1999, S. 28.) "Interpretation", überhaupt ein Verständnis sprachlicher Äußerungen ist "ein holistisches Unterfangen (...), dessen Gegenstand nicht nur Äußerungen, sondern auch Überzeugungen sind. Zwar müssen (in gewissem Umfange zumindest) Überzeugungen geteilt werden, damit kommuniziert werden kann, nicht jedoch Worte." (K. Glüer, Sprache und Regeln. Zur Normativität von Bedeutung, Berlin 1999, S. 29.) Um den Bedeutungen der Worte in den Äußerungen auf die Spur kommen, müssen wir auf die Meinungen und Überzeugungen bauen, denen sie Ausdruck verleihen. Dies gilt vor allem dann, wenn sich uns der Sinn von Äußerungen nicht so ohne weiteres erschließt.

Der semantische Holismus ermöglicht es nicht nur überhaupt zu verstehen, worauf der andere mit seinen Äußerungen hinaus will. Er steht vielmehr umgekehrt auch dem entgegen, sich auf ein einmal gewonnenes Verständnis als die allein ausschlaggebende Bedeutung sprachlicher Ausdrücke festlegen zu können. Jeder davon abweichenden Verwendung lässt sich erneut aus dem Zusammenhang in dem sie steht heraus ein Sinn abgewinnen. Dazu ist nichts anderes nötig als dem anderen zu unterstellen, dass er sehr wohl weiß, wovon er redet und was er tut. Und dafür wiederum ist nicht mehr nötig, als dass wir unterstellen, dass sich der andere im großen und nicht anders durch die Welt bewegt als wir es auch tun und dass er sich im großen und ganzen seine Meinungen und Überzeugungen auf den gleichen Wegen bildet wie wir auch. Dieses "Prinzip der Nachsicht" als Grundlage aller Interpretation besagt nun nicht, dass Verstehen zu völliger Konformität zwingen würde. Es bietet ganz im Gegenteil überhaupt erst die Grundlage, einen Anhaltspunkt dafür, Differenzen festzustellen und ihnen in Hinblick auf die Bedeutung, in der der andere die Wörter verwendet, Rechnung zu tragen. Und eine der Möglichkeiten dazu ist, Ausdrucksverwendungen als unkorrekt einzustufen dort, wo alles andere keinen Sinn macht oder uns zu der Annahme zwingen würde, wir hätten es mit jemandem gänzlich ohne sprachlichen Verstand zu tun. Nicht dass dieses ausgeschlossen wäre. Es sollte im Dienste einer weitestgehenden Verständigung allerdings immer erst der letzte der Auswege sein, mit sprachlichen Äußerungen zurecht zu kommen, vor dem völligen Versagen von Verständigung.
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