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Recht&Sprache Recht und Sprache
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Bedeutungsbeschreibung
Die Hoffnung der Juristen darauf, dass ihnen das Wörterbuch mit seinen Bedeutungsbeschreibungen diese Arbeit abnehmen könnten, trügt zwangsläufig. Eine durch die Sprache in Gestalt der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke vorgegebene Grenze finden sie so nicht. Sie finden allenfalls Hinweise auf immer weitere Varianten des Sprachgebrauchs und Belege für dessen Vielfalt und Reichtum. Sie finden also eher das Gegenteil genau jener, die eine Bedeutung als die einzig mögliche Wortverwendung auszeichnende Grenze, auf es den Juristen im Dienste einer Untermauerung ihrer Rechtsmeinung ankommt.

Bedeutungsbeschreibungen liefern selbst nichts anderes als Gebrauchsbeispiele für den fraglichen Ausdruck. Durch ihre lexikographische Festschreibung zum Wortbestand der Sprache mögen sie zwar paradigmatisch bei Zweifeln an Bedeutung sprachlicher Ausdrücke oder im Streit darum eingesetzt. Eine eindeutig feststellbare Regel aber, die solche Zweifel ein für allemal ausräumen oder solchen Streit unwiderruflich schlichten könnte, liefern weder Bedeutungsbeschreibungen nicht. Von daher mag es zwar gut und nützlich sein, wenn Juristen bei Zweifeln über den Sprachgebrauch wenigstens in Wörterbüchern nachschlagen anstatt schlicht nur den eigenen zu bemühen. Eine durch die Sprache in Gestalt der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke vorgegebene Grenze finden sie so nicht. Sie finden allenfalls Hinweise auf immer weitere Varianten des Sprachgebrauchs und Belege für dessen Vielfalt und Reichtum. Sie finden also eher das Gegenteil genau jener, die eine Bedeutung als die einzig mögliche Wortverwendung auszeichnende Grenze, auf es den Juristen im Dienste einer Untermauerung ihrer Rechtsmeinung ankommt.

Die Sprache gibt sie schlicht nicht her. Nichts ist mehr wieder die Natur unserer Rede in ihrer ganzen Vielfalt und Wechselhaftigkeit als der Versuch, sie auf das Prokrustesbett verbindlich konstanten Bedeutens zu zwingen. Der Sprache ist nicht "Eines gemeinsam". (Vgl. L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M. 1984, § 65.) Das gilt für eine Sprache als dem Substrat an Mitteln und Wegen zur Verständigung ebenso, wie es für jedes einzelne Wort in der ganzen "Mannigfaltigkeit" seine Verwendungsweisen gilt. Es gibt "unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir 'Zeichen', 'Worte', 'Sätze' nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen." (L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M. 1984, § 23) Wenn also von der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks die Rede ist, dann kann dies allenfalls eine flüchtige Momentaufnahme sprachlicher Verständigung sein, die deren steten Fluss in einem seiner eben augenblicklichen Zustände einfängt. Ausgetragen ist durch das "die Bedeutung des Wortes W" genannte Bild, das man sich von seinem Gebrauch macht, nichts. Allenfalls fragt sich, was sich damit in Hinblick auf die Überlegungen und Überzeugungen, die man die fraglichen Worte fassen will, anfangen lässt.

Durch die Bedeutungsbeschreibungen und -erklärungen kann daher auch keineswegs ein bestimmter Sprachgebrauch durch die Bedeutung der verwendeten Worte begründet werden. Vielmehr haben sie Teil an einer permanenten Bedeutungsgebung für solchen Sprachgebrauch mittels entsprechender Bedeutungserklärungen. All dies ergibt sich letztlich daraus, "dass ein Wort keine Bedeutung hat, die ihm gleichsam von einer von uns unabhängigen Macht gegeben wurde, so dass man eine Art wissenschaftliche Untersuchung anstellen könnte, um herauszufinden, was das Wort wirklich bedeutet. Ein Wort hat die Bedeutung, die jemand ihm gegeben hat." Und zwar "durch Erklärungen". (L. Wittgenstein, Das Blaue Buch. Werkausgabe Bd. 5, Frankfurt/M. 1984, S. 52.) Im Zweifelsfall steht dann eben auch mit diesen Erklärungen eine Bedeutung gegen die andere, ohne dass die eine ohne weiteres gegen die andere als die eigentliche ausgespielt werden könnte. Für die Begründung einer bestimmten Verwendung des fraglichen Wortes durch eine der Bedeutungen reicht dies nicht. Die Erwartung einer solchen Begründung ist selbst semantisch durch nichts gerechtfertigt. "Bedeutung" erweist sich also alles in allem "in dem Sinne als irrreduzibel, dass sie nicht mit Hilfe handlungsleitender Normativität erläutert werden kann." (K. Glüer, Sprache und Regeln. Zur Normativität von Bedeutung, Berlin 1999, S. 235.) Das aber heiß nichts anderes, als dass die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke keinen Grund dafür zu liefern vermag, dass eine ihr konforme Verwendung des betreffenden Ausdrucks zwingend sei.
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