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Glossar Juristische Methodik

Repräsentationsmodell

In der neueren Debatte treten sachlichen Grenzen des Kommunikationsmodells bei seiner Anwendung in der Rechtswissenschaft noch deutlicher hervor. Die Praxis des juristischen Sprachspiels ist wesentlich komplexer als das einfache Modell: Sender - Kommunikationsmedium -Empfänger. Vor allem ist die Sprache kein bloßes Medium, das die Gedanken des Senders passiv aufnimmt und dem Empfänger eine problemlose Decodierung ermöglicht. Wegen der nicht vertretbaren Unterschätzung des Eigengewichts der semantischen Praxis und wegen der Reduktion von Sprache und Verstehen auf ein Repräsentationsmodell taugt die Kommunikationstheorie nicht als tragfähige Grundlage für die Strukturierung juristischer Textarbeit. Die Kommunikationstheorie erlaubt zwar eine prinzipielle Kritik des für die Jurisprudenz seit jeher kennzeichnenden dinglich-ontologischen Sprachverständnisses, indem sie Sprache immerhin in Funktion sieht und sie in ihrer Bedeutung von der Rolle her bestimmt, die sie in der Verständigung spielt. Aber das Verhältnis der Sprache zu ihrer Verwendung bleibt für die Kommunikationstheorie aufgrund jener Reduktionen ein nur äußerliches, die mit der sie anleitenden und sie tragenden Transportmetaphorik einhergehen. Sprachliche Ausdrücke und deren Bedeutungen bleiben für sie bloße Objekte, die in der Kommunikation lediglich technisch verwendet werden. Die Zwecke, zu denen diese Ausdrücke und Bedeutungen als Mittel eingesetzt werden, bleiben außerhalb der Sprache. Damit führt das Kommunikationsmodell aller pragmatisierenden Ausdrucksweise zum Trotz nicht wesentlich über die Einbeziehung funktionaler Gesichtspunkte hinaus, die auch schon ein aufgeklärter Strukturalismus zur differentiellen Bestimmung sprachlicher Bedeutung kennt." Die Kommunikationstheorie bleibt dem „Mythos des Objektivismus" verhaftet, der weithin den Hauptstrom „westlicher" Sprachphilosophie und Linguistik geprägt hat. Das anhaltende Interesse am Kommunikationsmodell mag sich aus seiner Nähe zu einer entsprechenden Alltagsmetaphorik des Sprechens über Sprache erklären. Die rührt aber eher von den Sedimentierungen und Traditionen jenes Mythos des Objektiven her, als dass sie für eine „Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache" etwas hergäbe. Vor allem aber teilt die Kommunikationstheorie mit ihrem technizistischen Instrumentalismus die Prämissen jenes schon von Wittgenstein nachhaltig als aporetisch kritisierten 'Maschinenmodells' von Sprache; des Modells der sprachlich codierten Rechtsmaschine, das auch der positivistischen Verkürzung von Rechtsarbeit auf Rechtsanwendung und auf die entsprechend mechanische Erkenntnis eines vom Normtext als fixe Inhaltsgröße übermittelten Rechts zugrunde liegt. Der kritische Anstoß der Kommunikationstheorie gelangt also nicht über eine Reformulierung des herkömmlichen positivistischen Modells hinaus. Für eine neuartige Strukturierung praktischer Rechtsarbeit kommt die Kommunikationstheorie jedenfalls nicht in Frage. Für diese Neustrukturierung ist an erster Stelle realistisch die Möglichkeit zu verneinen, mittels sprachlicher Regeln die Referenz des Normtextes in der Weise festzulegen, dass vorentschieden ist, auf welche Fälle er „angewendet" werden muss. Die in Normtexten verwendete Sprache kann keine dinglich-ontologische Beschreibung sozialer Beziehungen in der Weise geben, dass sie einer Klasse von Gegenständen Namen zuordnet. Im Anschluss an die Wendung Wittgensteins zum Sprachspiel wurde die Namenstheorie der Bedeutung von der Strukturierenden Rechtslehre verabschiedet und damit die Aufgabe gestellt, stattdessen die Art des Sprachspiels zu durchschauen, das in der fraglichen Situation gespielt wird: Es geht nun nicht länger um das Wort als Namen, den der Gesetzgeber den Dingen gegeben hat, sondern um das Wort als Moment einer konkreten Gebrauchsweise. Der Bezug von Sprache und Welt, also die Referenz der Zeichen, ist keine Frage, die mittels einer Namensgebung durch ein privilegiertes Subjekt entschieden werden könnte. Es handelt sich vielmehr bei der Namensgebung um ein praktisches Verhältnis, das nicht nur die Kommunikationsgeschichte, sondern auch das Ganze des betreffenden Sprachspiels in den Blick bringt.

Bei dieser Sachlage wird es einsichtig, dass über den Positivismus hinausgehende Ansätze einer neuen (verfassungs-)juristischen Methodik aus dem Anschauungsmaterial von Rechtswissenschaft und Rechtspraxis zu gewinnen sind.

JM I, Rn. 208
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