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Linguistik Rechtslinguistik: Sprache des Rechts
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Virtualität von Recht
Mit einem neueren, aus der Theorie der Neuen Medien stammenden Begriff lässt sich auch sagen, das Recht sei an entscheidenden Punkten im Gegensatz zur herkömmlichen Auffassung nur virtuell:

(1) Gegen die Sicht der Tradition stehen in Verfassungen, in Gesetz- und Verordnungsblättern keine Rechtsnormen, steht nicht schon „das Recht". Nur virtuelles Recht enthalten sie, nur Normtexte als Ausgangspunkte der praktischen Rechtsarbeit.

(2) Die Rechtsnorm in praxi, das law in action, lässt sich sinnvoll als strukturiert denken, als aus Normprogramm und Normbereich zusammengesetzt - traditionell ausgedrückt: aus Sollens- und aus Seinselementen. Sollen als ein angeblich „reines" bleibt bloß virtuell. Real wirksam wird Sollen nur als ein durch Faktizität mitkonstituiertes, als durch Realität verunreinigtes.

(3) Die einzig richtige Lösung des Rechtsfalls, dieser Fetisch positivistischer Tradition, ist nichts als virtuell. Real - in den meisten typischen Fällen der Praxis - ist die „vertretbare". Neben ihr gibt es in aller Regel noch andere, die mit akzeptablen Gründen gleichfalls vertreten, werden können. Die Aussage des geltenden Rechts zu einem einzelnen rechtlichen Problem/Konflikt bringt nichts (ein-eindeutig, wie im mathematischen Algorithmus) „auf den Punkt". Die legitimierbaren Entscheidungen reduzieren sich nicht auf die „einzig richtige". Den singulär herausgehobenen Punkt der Fall-Lösung gibt es nicht, weil der Archimedische oberhalb der natürlichen Sprache, deren Teil die Rechtssprache darstellt, nicht auffindbar ist. Das geltende Recht eröffnet, nochmals bildlich gesprochen, einen Raum. Er ist nicht a priori begrenzt, wohl aber durch Rechtsarbeit im einzelnen Fall begrenzbar. Das Recht macht eine Arena für Auseinandersetzungen um Bedeutungen auf, für semantische Kämpfe. In diesem Streitraum, Spielraum, sind, in aller Regel, mehrere Lösungen rechtlich vertretbar: sei es verschiedene Entscheidungsnormen, sei es die gleiche, aber mit verschiedenen Begründungen (Entscheidung = Tenor plus Gründe).

Die genannten Fragen sind zentral: Welche Eigenschaften können wir einer Rechtsnorm realistisch zuschreiben? Wo überhaupt finden wir die Rechtsnormen, die unsere Arbeit rechtfertigen sollen? Und: wie kann, realistisch bewertet, die Lösung von Rechtsproblemen konzipiert werden?

In diesen drei Grundfragen weist die Strukturierende Rechtslehre - bestrebt, von den Tatsachen Zeugnis abzulegen - auf Virtualität hin: Virtualität des Rechts, noch bevor sich dieses der technisch, insofern von außen, induzierten Virtualität als einer Erscheinungsweise der Neuen Medien zu stellen hat.

JM I, Rn. 535
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