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Teleologische Konkretisierung: Begründung des Zwecks
Gebunden bleibt die Rechtserzeugung mittels teleologischer Auslegung dadurch, dass sie als zusammengesetzte juristische Schlußform zunächst eine Begründung des fraglichen Zwecks voraussetzt. "Die teleologische Interpretation ist kein selbständiges Element der Konkretisierung, da Gesichtspunkte von 'Sinn und Zweck' der zu deutenden Vorschrift nur insoweit heranzuziehen sind, als sie mit Hilfe der anderen Elemente belegt werden können. Das Unterstellen einer Ratio, die unter keinem anderen Konkretisierungsgesichtspunkt nachweisbar ist, disqualifiziert sich als normgelöste subjektive 'Wertung' oder 'Abwägung'. Die Frage nach dem 'Sinn und Zweck' der zu konkretisierenden Norm bildet jedoch eine unterscheidbare und damit selbständige Fragestellung bei jeder Arbeit mit grammatischen, historischen und systematischen sowie mit den über die canones hinaus entwickelten Elementen der Konkretisierung. In deren Rahmen und durch sie kontrolliert kann das Argument aus dem 'Telos' der (in der Regel noch nicht abschließend erarbeiteten) Vorschrift brauchbare zusätzliche Hilfsgesichtspunkte bieten." (Müller, F., Juristische Methodik, 1997, Rn. 364)

Aus dieser Grundstruktur der teleologischen Auslegung ergibt sich ihre Problematik. Auch sie führt keineswegs zur Sicherheit, sondern erbringt eine widersprüchliche Vielfalt von Ergebnissen. Damit ist die teleologische Interpretation zugleich einer prinzipiellen Unbestimmtheit in Bezug auf das mit ihr verfolgte Ziel ausgesetzt. Sie kann sich angesichts der vielen divergierenden Zwecke, die sich in einer pluralistischen und hoch differenzierten Gesellschaft mit der Regelung anstreben lassen, nicht ihrer Wirkungen sicher sein. Sie kann also selbst wieder nur eine Möglichkeit setzen. Und diese definiert sich logisch bekanntlich nur negativ dadurch, dass sie nicht notwendig ausgeschlossen ist. Die Kunst der teleologischen Auslegung besteht darin, methodisch nachvollziehbar mit ihrer eigenen Mehrdeutigkeit fertig zu werden und diese nicht durch ein päpstliches Werturteil zu überspielen.

Die Herleitung des Zwecks entscheidet über die Einordnung des teleologischen Arguments. Wird er aus Wortlaut oder Systematik abgeleitet, spricht man von der objektiv teleologischen Auslegung. Wird der Zweck aus den Materialien bezogen, heißt die Methode subjektiv teleologische Interpretation.

In einer Inhaltsanalyse der EuGH-Begründungen des Jahrgangs 1999 kommt eine empirische Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der EuGH in 44 Fällen den Zweck aus den Begründungserwägungen ableitet, in 39 Fällen aus früheren Entscheidungen, in 13 Fällen aus dem Wortlaut und in 12 Fällen aus der Systematik. Allerdings wird auch angemerkt, dass der EuGH in der Mehrheit der Fälle die Herleitung des Zwecks nicht begründet. Natürlich muss hier nicht jedes Mal ein Defizit in der Argumentation vorliegen. Die fehlende Begründung kann sich aus dem pragmatischen Relevanzhorizont ergeben. Wenn dieser Zweck im Verfahren nicht umstritten war, ist seine Herleitung nicht nötig. Andernfalls ist ein teleologisches Argument ohne Begründung des Zwecks fehlerhaft.

JM II, S. 76 f.
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