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Normativität von Sprachregeln
Auch wenn Lexika nicht die Rolle eines Sprachgesetzbuchs übernehmen können, bleibt doch der Sprachgebrauch selbst als normativer Orientierungspunkt: "Gibt es keine externen Hilfsmittel, ist ein eigenes Verständnis zu entwickeln und zu Grunde zu legen. Beispielsweise ging es in BVerwGE 85, 228 um die Frage, ob der Abbau von Sand und Kies im Jadebusen 'Nutzung von Bodenschätzen' ist. Das BVerwG stellt fest, dass der Ausdruck 'Bodenschatz' zwei bedeutungstragende Elemente enthält: Im Wortteil 'Schatz' wird eine wertvolle Eigenschaft des Gegenstandes vorausgesetzt. Außerdem wird mitgedacht, dass der Gegenstand nicht ohne weiteres bekannt oder zugänglich ist und erst aufgesucht und geborgen werden muss. Das setzt sich im Ausdruck 'Bodenschatz' fort. Bodenschätze sind 'Schätze' des Bodens, nicht aber der Boden selbst. Sand und Kies sind im Bereich der Küstengewässer ein üblicher Meeresgrund und kein Bodenschatz."

Vordergründig scheint einiges dafür zu sprechen, sich bei der Erschließung des Wortlauts von Normtexten auf den Sprachgebrauch zu berufen. Schließlich kann nicht jeder reden, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, ohne zu riskieren, missverstanden oder gar nicht verstanden zu werden. Redet etwa jemand von „Schätzen“, während doch nur wertloser Kram auf dem Boden herum liegt, so riskiert er zumindest, einem verschärften Erklärungsbedarf ausgesetzt zu sein. Eher wird er aber verständnisloses Kopfschütteln oder ratloses Achselzucken ernten. Will man das vermeiden und will man seine Ziele im Rahmen der sprachlichen Verständigung erreichen, so sollte man sich daran halten, „was die Wörter nun einmal bedeuten“.

„ Was heißt es“ aber, „dass die Wörter bedeuten, was sie nun einmal bedeuten?“ Kann der Jurist wirklich für seine Arbeit normatives Kapital daraus schlagen? Immerhin scheint es doch so etwas wie sprachliche Korrektheit als Bedingung der Möglichkeit von Verständigung geben zu müssen, wenn man nicht mit jedem Wort heillos aneinander vorbei reden will. Oder wenn man vermeiden will, vor lauter Erklärung dessen, was man eigentlich gemeint habe, überhaupt nicht mehr zu dem zu kommen, was man zu sagen hat (einmal davon abgesehen, dass man bei jedem Wort auch der Erläuterung selbst nie vollständig sicher sein könnte, was es heißen soll). Mit einem „Omnibus“ beispielsweise kann man eben nicht jedes x-beliebige Fahrzeug meinen. Bei allem Streit um die Worte vor Gericht, scheint es doch Grenzen zu geben, an die sich der Wortgebrauch zu halten hat, um einigermaßen einen Sinn zu ergeben. Wenn jemand "kalt" sagt, um uns darauf hinzuweisen, wie warm es ist, wird er sich damit so weit von der Verständigungsbasis entfernen, dass kaum mehr ein Streit darüber möglich erscheint, ob die Raumtemperatur tatsächlich noch als warm oder eher schon als kühl gelten kann. Mit jemandem, der mit dem Zuruf "Grün!" darauf aufmerksam machen will, dass eine Ampel soeben rot geworden ist, scheint kaum noch ein vernünftiges Wort zu wechseln zu sein. Und jemanden, der seinen Schwiegersohn als eingefleischten „Junggesellen“ bezeichnet, scheint man nicht so recht ernst nehmen zu können. Soweit derartige Urteile sinnvoll möglich sind, sollte es doch wohl einen Maßstab für die Angemessenheit und Korrektheit der Verwendung von Wörtern geben – und zwar in Gestalt ihrer jeweils bestimmten „Bedeutung“, die dann auch den praktischen Umgang mit Normtexten zu fundieren vermag. Denn würde jeglicher Maßstab dieser Art fehlen, so ließe sich alles mit allem sagen, so dass umgekehrt mit einem jeden Wort nichts gesagt sein könnte. Der Sprachgebrauch verlöre sich in einem amorphen Konglomerat von bloßen Lauten und jegliche Verständigung bräche zusammen: "Mit anderen Worten: Wenn es nicht möglich ist, Worte falsch zu verwenden, ist es gleichzeitig unmöglich, überhaupt etwas Bedeutungsvolles zu sagen, also Wahres oder Falsches zu sagen."

Die Freude des Juristen, hier nun endlich handfest Normatives für sein rechtliches Urteil über sprachliche Bedeutung zu finden, wäre jedoch verfrüht. Es bleibt nämlich die Frage, woraus denn sichere Anhaltspunkte für ein solches Korrektheitsurteil zu gewinnen sein sollen; der in den obigen Beispielen als inkorrekt abgewertete Wortgebrauch („kalt“, „grün“, „Junggeselle“) ist immerhin noch als solcher verständlich und damit nicht ganz ohne „Bedeutung“. Bei Licht besehen, steht die als abwegig erscheinende Verwendung eines Wortes lediglich gegen eine andere, die als korrekt weil üblich ausgezeichnet wird. Ein Maßstab setzt eben die Option voraus, in „richtig“ und“ abweichend“ zu sortieren, damit das möglich ist, muss die fragliche Äußerung aber überhaupt als sinnvoll und damit als sprachlich etwas bedeutend verstanden werden können. Andernfalls hätte das Korrektheitsurteil keinen Angriffspunkt mehr. Daraus also, "dass ein Wort nicht mit der richtigen Bedeutung verwendet wird", lässt sich nicht schließen, "dass es ohne Bedeutung verwendet wird." Solange eine Äußerung überhaupt verständlich ist, kann ihren Wörtern nicht jegliche Bedeutung abgesprochen werden: "Denn es kann ja sein, dass es einfach mit einer anderen Bedeutung benutzt wird." Ist eine Aussage aber überhaupt verständlich, so kann sie nicht schlichtweg sprachwidrig sein. Denn dafür müsste auf Grund einer völlig verfehlten Verwendung der in ihr vorkommenden Ausdrücke jede Möglichkeit verloren gegangen sein, sie als Äußerung zu verstehen; jedenfalls dann, wenn man "versucht, die präskriptive Kraft der Konventionen einer Sprache direkt aus der Möglichkeit von Bedeutung selbst herzuleiten".

Das gilt auch für einen Rückgriff auf Sprachregeln. Diese sollen nach der sogenannten „Gebrauchstheorie der Bedeutung“ das Maß für eine angemessene und korrekte Verwendung sprachlicher Ausdrücke abgeben, sollen deren Bedeutung bestimmen und zugleich jeder Äußerung die Grenzen weisen. Regeln „legen“ nach dieser Ansicht „fest, unter welchen Umständen“ ein Ausdruck „sinnvoller- bzw. korrekterweise verwendet werden kann.“ Zwar bleibt es jedem unbenommen, so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist - allerdings um den Preis, entweder nicht ernst genommen zu werden oder sich mit dem, was man zu sagen hat, nicht mehr verständlich machen zu können. Wer das dagegen möchte, hat sich dem Gebrauch anzupassen, den alle anderen von der Sprache machen, die ihrer mächtig sind. Das zu tun heißt eben, sich “an die Regeln halten“. In diesem von der Absicht auf Verständigung ausgehenden Druck wechselseitiger Konformität liegt, Kripkes kommunitaristisch gewendetem Wittgenstein zufolge, die ganze Normativität von Sprache; und auf diese Weise verdankt ihm die Sprachphilosophie „einen neuen Slogan: 'Bedeutung’ ist normativ’.“

Ein derartiger pragmatisch gewendeter Sprachnormativismus scheitert aber wie jede andere normative Unterstellung im Sprachlichen auch am Paradox der Bedeutungslosigkeit fehlerhafter oder abweichender Verwendungen. Nichts belegt das eindrucksvoller als die Situation des Rechtsstreits. Denn vor Gericht geht es sprachlich weder um ein angemessenes Verständnis des Gesetzestextes noch um dessen korrekte Handhabung. Die Feuerprobe auf beides haben die Äußerungen der Parteien bereits bestehen müssen, damit ihr Anliegen überhaupt als ein rechtliches gelten und akzeptiert werden kann. Mit dem Eintritt in das förmliche Verfahren steht nicht mehr die Frage einer möglichen Regelkonformität zur Debatte. Vielmehr treten die entgegengesetzten Rechtsmeinungen genau auf Grund dieser in den Streit ein. Es geht den Parteien nicht darum, welche Bedeutung ein Ausdruck im allgemeinen hat; sondern darum, welche ihm mit Blick auf die jeweils gewünschte Rechtsfolge zukommen soll. Die Frage ist nicht: was ist der sprachlichen Regel gemäß?, sondern: was soll in diesem Streitfall als Regel gelten? Als neutrale, vom Streit unabhängige Berufungsinstanz für die Entscheidung kann die Regel so aber nicht mehr greifen. Der semantische Normativismus scheitert an den Unwägbarkeiten von Sprache als Praxis. Die Vorgänge im Gerichtssaal machen nur noch deutlicher, was im alltäglichen kommunikativen Leben ohnehin vor sicht geht. Die eindeutige Entscheidung über die Regelkonformität einer sprachlichen Äußerung kann nicht durch Sprache bereits vorgegeben sein. Das gilt nicht einmal für das Urteil darüber, ob sich der Gebrauch eines Ausdrucks noch im Rahmen des Üblichen bewegt; und noch weniger kann eine Norm bzw. Regel unwiderruflich vorzeichnen, worin in jedem Einzelfall ihre Befolgung bestehen soll. Um dies leisten zu können, müsste die Regel für die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke konstitutiv im Sinne Searles sein. Nimmt man das jedoch ernst, so könnte die Regel paradoxerweise genau deshalb nicht das leisten, was sie auf Grund dessen leisten soll, nämlich den abweichenden, verfehlten Sprachgebrauch vom ihr konformen, korrekten zu unterscheiden: „Denn jeder semantisch inkorrekte Gebrauch“ würde damit notwendig zu einem „Bedeutungswandel oder -verlust“. Das heißt aber, dass mit der Ausschließlichkeit der Alternative „korrekt oder bedeutungslos“ ausgerechnet jener Verstoß gegen die Regel als Alternative entfällt, für den sie zur Entscheidung über den Sprachgebrauch einstehen soll. Dann ist die Regel aber, gegen die eigene Voraussetzung des semantischen Normativismus, allenfalls nur noch „eine behelfsmäßige Durchgangsstation zwischen Satz und Interpretation, welche die Erkenntnis der Struktur erleichtert, für die richtige Interpretation von Äußerungen aber keineswegs notwendig ist.“ Kripke verlangt von der Regel deshalb auch nicht mehr als Übereinstimmung. Diese aber ist, wie schon Wittgenstein geltend macht, in erster Linie nicht eine Übereinstimmung in der Definition von Bedeutung, sondern eine in den Urteilen darüber - und diese mögen so oder so ausfallen. Mit der Frage nach der Bedeutung ist wieder alles offen. Jede Abweichung kann linguistisch als Vorschlag einer neuen Regel, als Neuansatz zu einer Regeländerung gesehen werden. Bedeutungen, Regeln, Konventionen vermögen nicht dem Sprachgebrauch normativ feste Bahnen vorzuzeichnen. Vielmehr unterliegt all dies selbst einer permanenten Bedeutungsgebung für den Sprachgebrauch mittels entsprechender Bedeutungserklärungen. "Bedeutung" erweist sich mit anderen Worten "in dem Sinne als irreduzibel, dass sie nicht mit Hilfe handlungsleitender Normativität erläutert werden kann." Geltung und Verbindlichkeit verdankt Bedeutung allein den Praktiken der Kritik und Korrektur, besonders denen der "Abrichtung", der Belehrung und Einweisung beim Spracherwerb , die auf den ersten Blick den Eindruck einer Verantwortlichkeit von Normen und Regeln für den Sprachgebrauch erwecken sollen. Aufrecht erhalten wird dieser Eindruck jedoch allein durch den faktischen Druck der Umgebung, die sprachliche Konformität mit den entsprechenden Zuweisungen mentaler und sozialer Kompetenz belohnt.

Die Frage ist, was ein normatives Konzept von Sprache, Bedeutung oder Regel dann noch zu tragen vermag. Donald Davidsons Antwort lautet: gar nichts; wenigstens dann nicht, wenn es um die Möglichkeit geht, sich überhaupt sprachlich verständlich zu machen. Bedeutung gewinnen Äußerungen ganz ohne Regeln allein durch Interpretation. Solange dank dieser eine Äußerung noch zu verstehen ist, so lange ist es mit sprachlicher Bedeutung nicht vorbei. Denn "der Begriff der Sprache (...) liegt" nun einmal "im Begriff der Verständigung." Wenn verstehbar und damit bedeutend nur ist, was auch Sprache ist, so muss alles, was verstanden werden kann, zur Sprache gerechnet und muss ihm Bedeutung beigelegt werden. Die Grenzen des Verstehbaren aber sind nahezu unabsehbar weit, wie ein zweiter Blick auf vordergründig noch so abstrus erscheinende Beispiele zeigt. So schließt Ludwig Wittgenstein an seine Aufforderung zu dem "Versuch: Sag 'Hier ist es kalt' und meine 'Hier ist es warm'" nicht etwa gleich die Feststellung an, dieser wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Vielmehr fragt er: "Kannst du es?". Diese Frage lässt sich leicht bejahen; Ironie ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, die einem dazu einfallen. Auch für Wittgenstein ist es offensichtlich eine rhetorische Frage, denn er fährt fort: "Und was tust du dabei? Und gibt es nur eine Art, das zu tun?" Dass dem nicht so ist, zeigt auch ein Blick auf das Beispiel des vordergründig irritierenden Gebrauchs des Wortes "grün" in der Absicht, vor einer rot gewordenen Ampel zu warnen. Der Reigen möglicher Sinngebungen wird dadurch eröffnet, von einem schlichten Lapsus auszugehen, der in der Aufregung unterlaufen ist. Aber selbst dann, wenn sich der Vorfall wiederholt oder der Sprecher uns mit den Worten, "welch hübsches Grün" auf die rote Bluse einer Passantin aufmerksam macht, sind wir mit unserem semantischen Latein noch nicht am Ende; allein schon deshalb nicht, weil die Wiederholung erkennen lässt, dass es sich wohl nicht um Zufall handelt. Für den Sprecher ist “Rot“ offenbar dasselbe wie für uns „Grün“. Auch wenn wir Grund haben, ihn für zurechnungsfähig und nicht absichtlich provokant zu halten haben, bleibt immer noch der Schluss, er leide unter Farbenblindheit. Für ihn mag die Welt aus Grautönen bestehen, auf die er die Farbwörter in seiner unnachahmlichen Art verteilt. Anhand seiner Äußerungen können wir mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, dass für ihn, gewissermaßen "in seiner Sprache", das Wort "grün" in etwa die Stelle einnimmt, die in unserer Ausdrucksweise das Wort "rot" innehat. Kürzer gesagt, für ihn bedeutet "Grün" Rot.

Das dritte oben genannte Beispiel betraf den Schwiegersohn als Junggesellen. Bei jemanden, der wiederholt so redet, werden wir uns fragen, was er damit sagen will. Wir versuchen zu erklären, was er unter „Junggeselle“ versteht. Gewinnen wir den Eindruck, ein „Junggeselle“ sei für ihn das gleiche wie für uns, dann prüfen wir, was es wohl heißen mag, wenn er seinen Schwiegersohn beharrlich einen solchen nennt. Es lässt sich dann vielleicht unschwer erkennen, dass für ihn "Junggeselle" einen Ehemann bedeutet, der trotz seines Ehestands nicht von den Freuden eines Lebens ohne solchen lassen mag. Der Sprecher mag uns mit der Charakterisierung "Einmal Junggeselle, immer Junggeselle" darin bestärken.

Korrektheit - und damit Bedeutung - ist offenbar nichts, worauf man schlicht Bezug nehmen kann. Wenn man es versucht, so gerät man schon mitten in die Arbeit, sich zum Sinn von Äußerungen und damit zur Bedeutung von Ausdrücken zu erklären. Und das kann man nur tun, indem man sich ein Bild der konkreten Umstände macht, in denen die Ausdrücke ihre Rolle spielen; der „Art“ eben, „wie dieser Gebrauch in das Leben eingreift“. Zu diesen Bedingungen gehört auch die Frage, inwieweit eine Ausdrucksverwendung noch hingenommen werden soll oder wer in welcher Situation derart redet. Für den bekannten Scherzbold mag es angehen, mit dem Wort „kalt“ auf die besonders stickige Hitze des Raums aufmerksam zu machen. Das heißt aber noch nicht, dass dies von jedem akzeptiert wird. Denn das würde einem die Mühe abfordern, uns bei jedem Sprecher zu fragen, ob er sich mit seinen Wort noch auf den uns gewohnten kommunikativen Bahnen bewegt. Was dem Farbenblinden recht ist, wird man nicht allen zubilligen wollen; sonst würden wir bei jedem harmlosen Satz, der ein Farbwort enthält, gleich in Debatten über das zugrundeliegende Farbensystem verwickelt werden. Und dagegen, alle Ehemänner als verkappte Junggesellen zu bezeichnen, werden sich sicherlich jene verwahren, die diesen Familienstand für die eigene Person durchaus ernst nehmen.

Die Grenzen des Normalen und Korrekten im Sprachgebrauch sind, sofern sie sich auf Bedeutung beziehen, durchweg pragmatisch bestimmt. Kommt einem Wort überhaupt Bedeutung zu, so bedarf es einer Entscheidung, möglichst auch einer Rechtfertigung dafür, seinen Gebrauch in der fraglichen Situation als unkorrekt oder inakzeptabel zurückzuweisen. Diese kann sich dabei nicht auf Merkmale berufen, die den Wörtern angeblich anhaften, dadurch deren Bedeutung bestimmen und insofern der sprachlichen Verständigung normativ voraus liegen. Bedeutungen, wie immer man auf sie gekommen sein mag, vermögen keine den Sprechern „gemeinsame Methode oder Theorie der Interpretation“ abzugeben. Bedeutungen sind nicht die normativ anleitende Voraussetzung für Interpretation und Kommunikation, sie sind allenfalls deren Ergebnis. Das weist auf die beiden entscheidenden „Bestimmer“ von Bedeutungen hin: „die Welt und die anderen Menschen“. Bedeutung vollzieht sich in den Bedeutungserklärungen, sie ist Ausdruck der jeweils relevanten, von der Sprechergemeinschaft als verbindlich und normal postulierten Überzeugungen. Diese stehen aber nicht ein für alle mal fest. Vielmehr müssen sie durch die Praktiken dieser Gemeinschaft in gegenseitiger Kontrolle und Korrektur immer wieder aufrecht erhalten und eingesetzt oder aber in Einzelfällen durch die Tolerierung des Befremdlichen verändert werden. Bei solchen Vorgängen gibt es bekanntlich immer Wortführer das heißt solche Instanzen und Individuen, welche die Mittel und die Autorität haben, einen bestimmten Sprachgebrauch ( und damit das, was die Dinge dem Wort nach „sind“ ) durchzusetzen – die Massenmedien zum Beispiel, oder Juristen. Die Bedeutung eines Ausdrucks kennen, eine Äußerung beim Wort nehmen können, heißt also, die nach vorherrschender Meinung richtigen Dinge dazu zu sagen. Jeder von bestimmten Wortverwendungen ausgehende soziale Druck, es sprachlich ebenso zu machen, ist eine durch und durch praktische Angelegenheit. „Sprache“ als solche gibt das nicht her. Von „Sprache“ bleibt, realistisch besehen, nicht mehr als ein kontextsensibler Differenzierungsprozess, der sich ständig bewegt und verändert. Was man die Bedeutung eines Ausdrucks, nennt ist nur eine mehr oder weniger flüchtige Momentaufnahme innerhalb dieses Vorgangs; ist ein Knoten im einem Netz von Differenzen, den Verständnis und Interpretation erzeugen und den der nächste Akt der Verständigung bereits schon wieder lösen kann. Von der sprachlichen Bedeutung als normativer Legitimationsinstanz für die Rechtsarbeit bleibt nichts übrig. Nur in den Arbeitsvorgängen demokratisch und rechtsstaatlich vertretbarer Entscheidung und ihrer argumentativen juristischen Begründung kann Normativität hergestellt werden.

JM I, Rn. 351e
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