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Falltechnik
Die Unterschiede in der Funktion von Falltechnik und Methodik lassen sich beispielsweise an dem Einzelpunkt „Lösungsschema" klar machen. Entsprechend dem Zweck der Anleitungsbücher, inhaltlich-dogmatisch und/oder konventionellformal, sind diese Schemata angelegt, nicht aber methodisch, d. h. nicht auf das feinstrukturelle Vorgehen bei der eigentlichen Konkretisierung der fallentscheidenden Normen bezogen. Von der Art und Weise des Bildens und Zurechnens von Entscheidungsnormen in bezug auf die „dahinter stehenden" Normtexte und die daraus vom Rechtsarbeiter entwickelten allgemeinen Rechtsnormen, welche allein die Lösung des Falls rechtfertigen, nehmen die lösungstechnischen Regeln keine Notiz. Sie setzen sie vielmehr voraus; und das, was sie voraussetzen, die juristische Kernproblematik, Rechtsnormen im Fall zu produzieren und sie auf eben diesen Fall durch Entscheidungs- und Darstellungsvorgänge „umzusetzen", behandelt die juristische Methodik.

Das Fortschreiten „von Stufe zu Stufe" im Rahmen der Lösungsschemata setzt jeweils Konkretisierungsarbeit voraus und zieht ferner, bis zur definitiven Lösung des Falls, weitere Konkretisierungen nach sich; und zwar ohne dass die lösungstechnischen Aspekte als solche anzugeben erlaubten, wie denn nun im Einzelfall die einschlägigen Normen „richtig" erarbeitet und wie sie „richtig" zu einer Entscheidungsnorm umgeformt werden können. „Richtig" heißt im Verfassungsstaat des uns vorliegenden Typus: so, dass die Operation hinreichende Aussicht hat, als rechtmäßig akzeptiert zu werden. Ein lösungstechnisches Schema kann somit nur dabei helfen, die aus inhaltlich-dogmatischen und aus konventionell-formalen Gründen angebrachte, weil erwartete, weil als akzeptabel oder als entscheidungs„ökonomisch" geltende Abfolge und Reihenfolge von Fragestellungen festzuhalten. Diese Abfolge bzw. Reihenfolge hilft dem Juristen, der den Fall lösen soll, diesen Fall zu gliedern: beispielsweise Aufbauschemata für die verwaltungsgerichtliche Klage, weiter differenziert nach Klagearten; für die verschiedenen Verfahren der Nonnenkontrolle; für die materiellrechtlichen Fragen des Amtshaftungsrechts; für typische Polizeirechtsfälle; für Strafrechtsfälle mit einem oder mehreren Beteiligten, mit einem oder mit mehreren Delikten; für den strafrechts-dogmatischen Aufbau von Unterlassungsdelikten, und so weiter. An jedem Einzelpunkt der schematisierten Abfolgen sind die jeweils einschlägigen Normtexte einzuführen und versuchsweise durch Konkretisierung mit dem Sachverhalt zu verarbeiten. Aus dieser Stellung in der alltäglichen Praxis juristischer Funktionsträger und in der Juristenausbildung erhellt nicht nur die entscheidende Begrenzung lösungstechnischer Gesichtspunkte, sondern auch ihre Unentbehrlichkeit. Sie erlauben es, dogmatisch wie konventionell-formal sowohl für die Entscheidung wie für deren Begründung die Teilergebnisse dessen zu gruppieren, was das Kernproblem der Jurisprudenz und das Kernstück praktischer Rechtsarbeit ist: der methodischen Normkonkretisierung.

Ü ber dieses praktische Beispiel der Stellung lösungstechnischer Schemata hinaus lässt sich die Aufgabe juristischer Methodik wie die formaler Lösungstechnik auch allgemeiner formulieren. Funktion juristischer Methodik ist, Aussagen über die Art und Weise der Normbildung im Fall zu machen; Funktion der Lösungstechnik ist die Gliederung der Fallbehandlung.

Was heißt das, da doch „Norm" und „Fall" gerade in der praktischen Arbeit der Juristen untrennbar aneinander gekoppelt werden?

„ Methodik der Normbildung" heißt: die Art und Weise

a) der (entwerfenden, Hypothesen formulierenden, alle Konkretisierungselemente durchspielenden) Bildung von Rechtsnormen ausgehend von Normtexten und Fall, endend bei der Kombination aus Normprogramm und Normbereich;

b) der (darstellenden) Zurechnung der anschließend daraus gebildeten Entscheidungsnormen an die allgemeinen die Einzelentscheidung systematisch rechtfertigenden Rechtsnormen und an die Eingangsdaten der Normtexte;

und schließlich

c) der Messung von Rechtsnormen niedrigeren Ranges an höherrangigen, z. B. an Verfassungsrecht.

„ Gliederung der Fallbehandlung " betrifft dagegen nicht die Schaffung und Umsetzung von Rechtsnormen auf unmittelbar zu entscheidende Fallfragen, sondern den dogmatisch-konventionellen Rest der praktischen Probleme bei Anlage, Aufbau, Reihenfolge, Darstellung der Fallösung, d. h. ihrer Gründe wie ihrerBegründung. Die dabei gemeinten dogmatischen Elemente sind ersichtlich die nicht unmittelbar normbezogenen; soweit es sich um direkt normbezogene handelt, geht es um methodische Fragen der Normkonkretisierung, d. h. wirken allgemeine Rechtsstaats- oder besondere Verfahrensnormen unmittelbar in die Aufbaufragen hinein.

Die Fragen der Fallbehandlung im normativ nicht vorgeschriebenen und daher konventionellen Sinn bilden den Rahmen der einzelnen Fallentscheidung; die Fragen der Normkonkretisierung sind das wissenschaftlich wie praktisch im Zentrum stehende Hauptproblem aller Rechtsarbeit. Dieses Hauptproblem umfasst die methodische Beherrschbarkeit der Spannungslage zwischen Fall, Normtexten,

Rechts- und Entscheidungsnorm und betrifft aus diesem Grund das „Konkrete" an normorientierter juristischer Entscheidungstätigkeit.
Von ihren verschiedenen Funktionen her lassen sich juristische Methodik und Falltechnik also klar unterscheiden; die Unterschiedlichkeit der Strukturen erhellt, allgemein aus dem Gesagten und wird im einzelnen aus dem vorliegenden Buch auf der einen, aus den Anleitungsbüchern falltechnischer Art auf der anderen Seite i unmittelbar deutlich. Die verschiedenen Funktionen können auch als Fragen ausgedrückt werden: Das Thema der juristischen Methodik ist: Wie löse ich Fälle: nach geltendem Recht? - d.h. ausgehend von den einschlägigen und daher den Fall betreffenden Normtexten; wobei ersichtlich unterstellt wird, dass die Operationen der Entscheidungserarbeitung und Ergebnisbegründung methodisch so überzeugend ausfallen, dass sie Aussicht haben, als rechtmäßig akzeptiert zu werden.

Thema der Falltechnik ist: Wie löse ich Fälle, deren Normkonkretisierung ich akzeptabel begründen kann, nach den im Juristenstand herrschenden professionellen Konventionen d.h. im Sinn der üblichen und daher in Klausur und Hausarbeit, in Übung und Prüfung, in Ausbildung und Spruchpraxis von Lehrern, Prüfern, Ausbildern, Kollegen, höheren Instanzen erwarteten und im Falle der Einhaltung akzeptierten, im entgegengesetzten Fall (mit verschiedenen Folgen) vermissten und eingeforderten Form.

JM I, Rn. 460 ff.
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